Von Ulrich Schiller

Washington

Neuerdings entspannt sich auch Bill Clinton, wenn er kann, am Wochenende in Camp David, in den Bergen von Maryland. Zwar verfügt er, der Jüngere, über ein wahres Füllhorn unverbrauchter Energien, verglichen mit Ronald Reagan und George Bush, die das Refugium amerikanischer Präsidenten regelmäßig genutzt haben. Doch zerren rücksichtslose Gegner an seinen Nerven, nutzen unversöhnlich Blößen und Schwächen aus früheren Zeiten, verfälschen wo nötig die Wahrheit und scheuen keinen Trick, um Clinton als "charakterschwach" anzugreifen. Wenn du Sorgen hast, reise, rät eine erprobte Weisheit Präsidenten in solcher Bedrängnis. Clinton wird sich während seines Europabesuchs dankbar an den Rat erinnern.

Zu Hause platzt dem sonst so Friedfertigen inzwischen schon mal der Kragen. Unlängst ließ er sich aus der "Airforce One" in einer Radio-Talk-Show vernehmen. Niemand, keine Person öffentlichen Lebens, geschweige denn ein Präsident sei in der jüngeren Geschichte Amerikas derart wütenden Attacken ausgesetzt gewesen wie er jetzt, meinte Clinton verbittert.

Bill Clintons Gegner: eine Phalanx von Ultrakonservativen und christlichen Rechten. Ihr Haß ist inbrünstig, ihre Mittel sind beträchtlich, und ihr Einfluß wächst ständig. Vorläufig noch. Sie arbeiten mit Talk-Shows im Radio und im Fernsehen, mit gefaxten Rundbriefen und electronic mail. Sie vertreiben T-Shirts und Autoaufkleber ("Clinton-Staatsvampir"; "Abtreibung für Hillarys Krankenversicherungsreform" etc.) und schüren nach Kräften Emotionen gegen den Präsidenten. Etwa zwanzig Prozent der Wähler sollen mit dieser unheiligen Allianz aus religiösen Rechten und ultrakonservativen Republikanern sympathisieren. Besonders aktiv ist sie in Virginia, vor allem aber in Texas. Sie selbst sieht sich als Bannerträger eines ideologischen Kampfes um Amerika.

Einer der schärfsten Widersacher im Gewande des Gottesmannes ist Jerry Falwell. Als TV-Prediger und führende Figur der religiösen Rechten ist er überaus umtriebig. Seine "Liberty Alliance" hat in den letzten Monaten Zehntausende Videos zum nicht eben bescheidenen Stückpreis von vierzig Dollar vertrieben. Darin wird Clinton des Mordes oder der Beihilfe zum Mord beschuldigt. Ein ausgewiesener Intimfeind aus dem Heimatstaat Clintons tritt ins Bild und behauptet, unzählige Menschen seien in Arkansas auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Und deren Tod stehe in irgendeiner Verbindung zu Bill Clinton. Nachdem er dies nun ausgesprochen habe, müsse er, der "Informant", nun seinerseits befürchten, zu einem weiteren "unaufgeklärten Geheimnis" zu werden.

Ein anderer TV-Evangelist, Pat Robertson, auch er erfolgreich in der Handhabe des elektronischen Klingelbeutels, auch er umtriebig in den Geschäften der republikanischen Rechten, hatte nach dem Freitod des Clinton-Rechtsberaters Vincent Foster vor einem Jahr nicht weniger bösen Verdacht geschürt: "Ist da ein Mord an einem White-House-Berater begangen worden? Es sieht mehr und mehr danach aus", spekulierte er. Fosters Tod und die "Whitewater"-Grundstücksaffäre des Ehepaars Clinton wurden über Monate hinweg zu einer Obsession der amerikanischen Medien.