Von Dieter E. Zimmer

Schon der Titel ist so manchem aus dem Herzen geseufzt und gegrummelt: „Einheitsfrust“. Tatsächlich hat sich das Buch einen gewissen Ruf erworben: den Ruf, daß hier nun endlich einmal die Ossis ihr Fett abbekämen, und das nicht von irgendeinem arroganten Motzke aus dem Westen, sondern von einem, der sie wirklich kennt, einem „von hier“. Sein Autor, Mathias Wedel, ist 41 Jahre alt und Journalist in Berlin (Ost).

Hauptsächlich geht der Ruf des Buchs darauf zurück, daß Henryk M. Broder es im Spiegel über den grünen Klee gelobt hat. Er ist ihm wohl aus zwei Gründen auf den Leim gegangen. Einmal verrät es in der Tat eine erhebliche Begabung für die boshaft pointierte Formulierung, à la „Daß sich die DDR (den) Sozialismus nicht in D-Mark leisten konnte – darin allein bestand für sie die Diktatur“. Zum andern fand Broder in ihm eine eigene Meinung wieder, die zwar harsch, aber diskutierbar ist: daß die DDR ein vergleichsweise spießiges Gebilde war und die willigen Mitläufer von damals sich heute nicht groß als Opfer aufspielen sollten.

„Einheitsfrust“ aber walzt diese Ansicht aus, so lang und so hektisch, daß man ihr immer stärker mißtraut. Denn sein ganzer Denkstil ist für den einen oder anderen Kabarett-Sketch gut, aber nicht für ein Buch. Kabarett gibt bestenfalls, was man einen Denkanstoß nennt. Ein Denkanstoß ist nicht beweispflichtig. Das angestoßene Denken darf sich auch gleich wieder verläppern. Ein Buch aber bräuchte so etwas wie ein kohärentes Argument, welches sich wenigstens selber ernst nimmt. Hier aber strengt sich zwar jeder Satz mächtig an, ganz besonders scharf zu sein – alle zusammen aber ergeben eine einzige Unschärfe.

Wedel – das ist der rote Faden – kreiert ein Wesen, auf dessen breitem Rücken er seinen Einheitsfrust ablädt. Er nennt es „OM“, für „ostdeutscher Mitläufer“. Der „OM“ sei ein Scheusal, das die DDR verdorben habe, jetzt die Einheit verderbe und, mehr noch, angesetzt habe zur Eroberung auch des Westens, zur „Ossifizierung der Bundesrepublik“.

Ein Pamphlet darf übertreiben und muß nicht gerecht sein. Es darf aber nicht darauf verzichten, die Zielgruppe, auf die es gemünzt ist, scharf einzustellen. Wer also ist Wedels „OM“?

Gleich zu Anfang versichert Wedel, er meine „nicht die Ostler schlechthin“, nicht einmal die alltäglichen Opportunisten, die nur da lebten, arbeiteten, Kinder machten und sich raushielten. Diese Versicherung hat er auch dringend nötig, denn im folgenden weiß man immer weniger, wen er denn meint, vielleicht doch alle?