Von Gabriele Venzky

Auf ihren Kopf ist seit dem 10. Juni ein Preisgeld von 100 000 bengalischen Taka (knapp 4000 Mark) ausgesetzt. „Blasphemie muß mit dem Tod bestraft werden“, hatte der fanatische Fundamentalistenführer Mufti Nazrul Islam vor Tausenden Demonstranten in der Stadt Khulna gefordert. Eine fatwa, wie damals bei Salman Rushdie. Taslima Nasrin, Ärztin und Schriftstellerin, ist die meistgehaßte Frau in Bangladesch. Nachdem die engagierte Feministin am 9. Mai in der indischen Zeitung The Statesman (Kalkutta) mit dem Satz zitiert worden war, der Koran müsse „gründlich überarbeitet werden“, erließ ihre Regierung Haftbefehl gegen sie. Sie tauchte unter. Seit der vergangenen Woche sucht sie nun Asyl im Ausland.

Wir trafen sie vor einigen Wochen noch in ihrer Wohnung im neunten Stock eines modernen Apartmentblocks in Dhaka. Ein Gefängnis, seit rund um die Uhr vor der Tür zwei Polizisten stehen. Die Nachbarn sind wütend und wollen, daß sie auszieht. Gemütlich wohnt es sich hier nicht mehr, seit Zehntausende Demonstranten unten auf der Straße schreien: „Hängt sie auf, hängt sie auf.“ Alles Männer. Ihren Paß hat die Regierung konfisziert, viele ihrer alten Freunde mögen keine Freunde mehr sein. Der Umgang mit ihr ist gefährlich. „Manchmal kriege ich zuviel. Dann nehme ich mein Auto, kurbele die dunklen Scheiben hoch und rase durch die Stadt, einfach nur, um Menschen zu sehen, Leben.“

Das klingt bitter. Aber der Gefangenschaft kann die 31jährige auch Gutes abgewinnen. „Immerhin zwingt mich die fatwa zur Arbeit.“ Sie hat sich viel vorgenommen. Für bengalische Verhältnisse will sie Ungeheuerliches durchsetzen: gleiche Rechte für Mann und Frau. „Wo ich auch hinsehe, überall spielt man den Frauen übel mit, und um das Gewissen zu beruhigen, rechtfertigt man ihre Unterdrückung im Namen der Religion.“ In ihrem fast fensterlosen Studierzimmer stapeln sich neben dem Computer, der bengalisch schreibt, diverse Ausgaben des Korans, der indischen Veda, der Thora und der Bibel: „Alles von Männern interpretiert.“ Nun will sie nachweisen, wo was gefälscht wurde, um männliche Dominanz durch die Heiligen Schriften zu legitimieren. Kettenrauchend hämmert sie eine Zeile nach der anderen in den PC. Sie sitzt am letzten Kapitel eines voluminösen Werkes über die Rolle der Frauen in den verschiedenen Religionen. Das könnte ihr noch mehr Ärger einbringen, als ihre Gedichte und Essays, als ihre fünf Romane es zuvor taten.

„Lajja“, ihr letztes Buch, zu Deutsch „Schande“, hat nur 79 Seiten und handelt von den Ausschreitungen der muslimischen Mehrheit in Bangladesch gegen die wenigen noch verbliebenen Hindus im Lande. Die Muslime richteten eine Blutorgie an, nachdem im benachbarten Indien die alte Moschee in Ayodhya von fundamentalistischen Hindus geschleift worden war. Hinduistische Frauen wurden aus Rache vergewaltigt. „Mir ging es nicht darum, gegen den Islam zu schreiben, sondern gegen jede Art von Fundamentalismus. Jetzt sind die Mullahs so wütend, weil ich die Wahrheit schreibe. Aber ich finde, Humanität sollte die Religion der Menschheit sein“, sagt Taslima Nasrin. Sie ist erklärte Atheistin. Nach zwei Monaten und 50 000 verkauften Exemplaren wurde das Buch in Bangladesch verboten, während die fundamentalistischen Fanatiker von der Indischen Volkspartei (BJP) ihre Novelle per Raubdruck und auf Kassette verbreiten, um Emotionen gegen die Muslime zu schüren.

Taslima Nasrins anderes großes Thema ist Sex. „Die Religionen diskriminieren die Frauen und machen sie zu bloßen Sexobjekten“, sagt sie. „Wenn ein Mann vier Frauen haben kann, warum wird dann eine Frau zu Tode gesteinigt, wenn sie auch mal fremdgeht?“ Sie selbst hat drei Ehen hinter sich und jetzt genug vom Heiraten. „Aber natürlich nehme ich für mich in Anspruch, mit einem Mann ins Bett zu gehen, wenn der mir gefällt.“ So etwas schreibt sie auch in ihren Zeitungskolumnen, unerhört im islamisch-prüden Bangladesch. Während ihre jungen Leser begeistert sind, werfen die älteren ihr Pornographie vor. „Was heißt hier Pornographie?“ ereifert sich die Schriftstellerin. „Die machen mich schon zur Pornographin, wenn ich nur das Wort ,Brüste‘ erwähne.“

Ihre Gegner werfen ihr vor, sie untergrabe die sozialen Normen. Wie man mit unbotmäßigen Frauen umzugehen habe, demonstrierten die Mullahs erst kürzlich wieder. Zwei ließen sie zu Tode steinigen, eine öffentlich verbrennen und eine so lange auspeitschen, bis sie starb. Die Verbrechen dieser Frauen: Zwei hatten ihre Männer verlassen, zwei waren vergewaltigt und schwanger geworden. Nach der Lesart der Mullahs ist das alles eins: Sie waren Ehebrecherinnen, die Schwangerschaft bewies es ja. Und die beteiligten Männer? Nun, die Frauen hatten versäumt, zwei unbescholtene männliche Zeugen der Vergewaltigung herbeizuschaffen ... „Weil ich solche Verbrechen anprangere, bin ich zum Tode verurteilt worden“, sagt Taslima Nasrin. Typisch denn auch das höhnische Angebot eines Dorfmullahs, er sei bereit, Taslima zu heiraten, um ihr in der Ehe zu zeigen, wo ihr Platz sei. Der Mann hat bereits drei Frauen und achtzehn Kinder.