Bayerisches Fernsehen, Sonnabend, 9. Juli, 23 Uhr: "Karljosef Schattner"

Welcher Architekt hat heutzutage noch das Glück eines leibhaftigen Bauherrn? Heute, da große Projekte fast nur noch von Leuten geordert werden, die in der Anonymität von Gremien, Kommissionen, Vorständen untertauchen oder, viel gefährlicher, als "Investoren" auftreten, die nicht für sich selber, sondern für Unbekannte bauen, deshalb darauf achten, jeden ungewöhnlichen Einfall zu verhindern, jede baukünstlerische Kühnheit zu untersagen? Nun denn, einen gibt es, dem das altmodische Glück eines personifizierbaren Bauherrn widerfahren ist, den Architekten Karljosef Schattner in Eichstätt. In der vergangenen Woche wurde ihm – nach Andrzej Szczypiorski vor vier Jahren – als zweitem der "Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken" verliehen.

Die Auszeichnung gilt seiner gut drei Jahrzehnte langen Arbeit als Diözesanbaumeister des kleinen bayerischen Bistums Eichstätt, das er unversehens so berühmt gemacht hat, daß es Aufmerksamkeit noch in Japan oder Übersee erhält. So wie seine Vorgänger Engel, Gabrieli und Pedretti sich im 18. Jahrhundert das Recht genommen hatten, die abgebrannte mittelalterliche Stadt barock, also stockmodern wieder aufzubauen, so nahm Schattner es sich heraus, nach heutigem Maßstab stockmodern darin (weiter) zu bauen, ohne Kompromisse, wenngleich auf selbstbewußte Weise rücksichtsvoll: Die Würde des Alten ehrte er mit der radikalen Qualität des Neuen.

Wie das in der betulichen, von konservativem Geist geprägten Provinz vonstatten gegangen ist, was der Architekt dabei zu bedenken und zu überwinden hatte, wie er mit seinem, wie er zufrieden anmerkt, "intellektueller Begründung stets zugänglichen" Bauherrn, dem Bischof, zurechtkam und schließlich nicht nur dessen Lob bekam, sondern das der internationalen Bauwelt – das erzählt, wirklich: erzählt dieser treffliche Dreiviertelstundenfilm von Erica Reese und Alexander Stockder. Es ist ein einfach gegliederter, erstaunlich informativer Film, der seinen Spannungsreichtum vor allem der Geduld der Kamera verdankt.

Wir sehen Schattner, erzählend: Wie er geworden ist, was er ist, wem er was verdankt, was ihn hierher verschlagen, was er im Sinn gehabt und wie er es geschafft hat, keine andere als die von ihm erstrebte Architektur zu bauen.

Dann erzählt der Film selber von alledem, indem er zeigt und kommentiert: die Katholische Universität, einen frühen Neubaukomplex von miesscher Klarheit; die Stahl- und Glas-Bibliothek inmitten des barocken Ulmer Hofs; den streng inszenierten Eingang zur (geretteten) Domdechanei; den wunderbaren "harten" An- und Ausbau des Schlosses Hirschberg; die aufregende Erneuerung des alten Waisenhauses; die brachiale Schönheit des Publizistik-Hauses.

Der Film geht mit Lust ins einzelne, zeigt viele kunstvolle Details und verharrt sekundenlang darauf: Das ist es, was den Film so spannend macht. Seine journalistische Qualität ist, daß er sich an jedermann wendet, dabei Architektur begreiflich und ihren Geist spürbar macht – und daß er die Kenner nicht kalt läßt.

Manfred Sack