ZDF, Donnerstag, 30. Juni: "Staatsterror aus Teheran"

An großen Aufgaben für die Zukunft fällt den Zeitgenossen neben der Umwelt der Frieden ein – wie letzterer aber zu schaffen und zu wahren sei, darüber sind die Vorstellungen unklar. Vielfach meint man, "die Menschen" müßten ihr aggressives Verhalten ablegen oder ihre Armeen auflösen, auch werden natürlich Diplomatie, Handel und Staatenbündnisse genannt. Dann versiegen die Ideen. Dabei gibt es ein Feld, das wahrlich neue Ideen und darüber hinaus Praxis, Publizität und Differenzierung brauchte: das internationale Recht. Wie und ob Frieden dauerhaft in die Welt zu bringen sei, hängt vor nichts anderem so stark ab wie von juristischen Instanzen, Verfahrensregeln und Sanktionsinstrumenten, die zwischen Staaten gelten.

Einstweilen herrscht die Wildbahn. Hubert Seipels Reportage "Staatsterror aus Teheran" belegte das mit grausigen Bildern und erschütternden Analysen: Terror ist keineswegs die Domäne versprengter Kader und gehetzter Guerillas, sondern staatlich organisiertes Machtmittel zur Ausschaltung der Opposition – so im Falle der islamischen Republik Iran, die ihre Killerkommandos ausgerechnet über Botschaften fernsteuert. Diplomaten werden so zu Handlangern von Kriminellen, Regierungen anderer Länder zu Begünstigern im Amt und deutsche Staatssekretäre zu Gastgebern für Mörder.

Möglich wird das alles, weil der iranische Geheimdienst, der als Ministerium Teil der Regierung ist, Politik und Handel insbesondere europäischer Staaten nach Schwachstellen durchforstet, an denen Erpressung ansetzen kann, oder schlicht Geiseln nimmt. Und er kommt mit dieser Tour durch. Nicht nur Salman Rushdie, auch viele oppositionelle Exil-Iraner führen ein Leben mit Bodyguards, und die Zeugen der von den Mullahs betriebenen Massaker von Wien und Berlin stehen unter Polizeischutz. Das Bundesamt für Verfassungsschutz weiß alles und kann nichts machen, weil zuviel auf dem Spiel steht, vor allem wirtschaftliche Interessen. Der Iran hat dreißig Milliarden Mark Auslandsschulden, woraus man ersieht, daß der Terror als kreditwürdig, und das heißt: zukunftsträchtig, eingestuft wird.

Hubert Seipels Film war gelungen, weil er die Empörung aus den Bildern aufsteigen ließ, anstatt sie vorzutragen. Staatssekretär Schmidbauer, der mit verlegener Miene rechtfertigen muß, warum er den Terror-Drahtzieher Fallahyan empfängt; die Hisbollah im Südlibanon, wo schon Kinder lernen, sich mit Gewehr und Gebet auf den Märtyrertod vorzubereiten; Salman Rushdie in Wien, wo zunächst geheimgehalten worden war, daß der Schriftsteller den Staatspreis erhalten hatte; Chomeini-Ikonen in Beirut, Elitesoldaten in Teheran – all diese Dokumente des Terrors, seiner Agenten und Opfer, hat Seipel mit Gespür für Rhythmus und Steigerung sowie unter wohltuendem Verzicht auf Musik zu einem furchterregenden Menetekel arrangiert.

Auf die Frage Seipels nach der Arbeitsweise des iranischen Geheimdienstes antwortete dessen Chef Fallahyan, die westlichen Medien sollten sich für den Frieden einsetzen. Was dieser Film auf seine Weise getan hat.

Barbara Sichtermann