Wer läßt sich schon gern nachsagen, ein besonders artiger Schüler gewesen zu sein. Das ist rufschädigend noch nach Jahrzehnten. Infolgedessen wird bei den sogenannten „Klassentreffen“ im Fernsehen immer streng darauf geachtet, daß dem ganz Prominenten, um den es geht, von seinen weniger prominenten Mitschülern bescheinigt wird, in der Schule rotzfrech gewesen zu sein.

Mit einer Fünf im Betragen läßt sich’s fein renommieren. Eine Fünf in Mathematik geht sogar auch noch, zumal man weiß, daß einer sogar Finanzminister werden kann, ohne besonders gut rechnen zu können. Auch eine Fünf im Sport hat ihren Reiz, läßt sich doch die Ahnungslosigkeit sogar im Fußball als Zeichen einer höchst verfeinerten Intellektualität verkaufen, wenn man selbst ein bißchen unsportlich ist.

Unlängst entdeckte ich beim Kramen in meinen uralten Schulzeugnissen eine Eintragung meines Klassenlehrers Dr. Brockmöller. Wir hatten ihn hauptsächlich in Mathematik. Unter der Rubrik „besondere Vermerke“ stand da: „Gerhard S. ist ein ausgezeichneter Fußballer.“ – Zugegeben, Lehrer Brockmöller hatte wenig Ahnung vom Fußball. Um so mehr von Algebra. Aber für dieses Fach fand sich in meinem Zeugnis keine lobende Erwähnung. Ich muß also in Mathematik eine ziemliche Null gewesen sein. Und so gleicht sich bei mir der Nachteil, eine Eins im Sport gehabt zu haben, durch den Vorteil einer Fünf in Mathematik gerechterweise wieder aus. Woran man erkennt, daß unsereiner beim Zensurenvergleich auch ohne Fernsehkameras in einem vorteilhaften Licht erscheinen kann. Etwa beim nächsten Klassentreffen. Gerhard Seehase