BERLIN. – Lehrer aus dem Ostteil der Stadt sollen in den Westen wechseln, aber nur wenige wollen hin. „Nehmen Sie die Chance wahr, noch haben Sie die freie Auswahl!“ Was nach einem Werbeslogan der deutschen Klassenlotterie klingt, ist in Wahrheit ein amtlicher Appell – abgeschickt am 22. Juni von Schulsenator Jürgen Kiemann, adressiert an die 13 000 Ostberliner Lehrer. Der Appell ist bitter nötig. Denn obwohl es hier tatsächlich etwas zu gewinnen gäbe, greifen viel zu wenige zu, und das könnte die Schulorganisation in Bedrängnis bringen. Die simplen Fakten: Einige hundert Lehrer fehlen an den Grundschulen im Westteil der Stadt, einige hundert sind im Ostteil zuviel.

Doch die Gleichung, die rein rechnerisch so einfach zu lösen wäre, geht in der Praxis nicht auf. 340 Ostlehrer müßten nach den Sommerferien in den Westen überwechseln, hatte der Schulsenator schon im Frühjahr angekündigt und eine Frist für freiwillige Meldungen gesetzt. Jetzt ist die Frist längst überschritten, aber nur 340 Pädagogen sind der Aufforderung „Go West!“ gefolgt. Wenn nicht noch Entscheidendes passiert, werden die restlichen 200 Lehrer zwangsversetzt – denkbar schlechteste Voraussetzung für eine gedeihliche Kooperation.

Die Zahlen beleuchten, wie kompliziert die Vereinigung der beiden Stadthälften und zweier Schulsysteme auch im Jahre vier nach der Wiedervereinigung ist: Vorbehalte und Berührungsängste, Verunsicherung und mißtrauisches Beäugen stehen einer Verzahnung nach wie vor im Weg. Dabei wiegt die Skepsis offenbar schwerer als der finanzielle Anreiz. Situation paradox: Der Wechsel in den Westen würde Ostberliner Lehrern das versprechen, wofür sie gerade lautstark auf die Straße gezogen sind: die volle Angleichung an das Westgehalt, und sie würden mit der Versetzung auch sofort auf einen sicheren Beamtenposten gehievt.

Daß Geld allein psychologische Barrieren nicht wegwischen kann, mußte den Bildungspolitikern schon nach einem ersten Test schwanen: Als der Schulsenator 1991 zu einem freiwilligen Ost-West-Lehreraustausch aufrief, meldeten sich nur 180 von 30 000 Berliner Pädagogen. Die 180 Pendler machten zwar durchweg positive Erfahrungen. Das Gros von ihnen hat sogar längst entschieden, endgültig in der jeweils anderen Stadthälfte zu bleiben. „Dennoch“, meint Dieter Hase, Personalratsvorsitzender im Berliner Bezirk Mitte, „die Vorbehalte sind seitdem noch größer geworden.“

Die Vorbehalte finden reiche Nahrung in einer ganzen Gemengelage aus Argumenten: Da ist die Angst der Ostlehrer, von den Westkollegen nicht akzeptiert zu werden, die Sorge, man könnte ob des sächselnden Zungenschlags von den Schülern gehänselt werden, da ist die Unsicherheit, wie man mit Kindern umgehen soll, die nicht jahrelange DDR-Hortdisziplin verinnerlicht haben, und da ist die neue Situation, einer Schulklasse aus sechs verschiedenen Nationalitäten gegenüberzustehen.

Auch die Westlehrer sehen den Transfer nicht ohne Skepsis. Rein fachlich gäbe es gerade mit den Unterstufenlehrern wohl keine Probleme. „Nur was die Unterrichtsmethodik angeht und den Umgang mit den Schülern“, meint eine Lehrerin, „da sind die Ostkollegen schon recht anders.“ Eine gerade vorgestellte Umfrage der Freien Universität scheint diese Differenzen zu bestätigen. „Die Ost-Berliner Lehrer“, so schreibt der Autor der Studie, „setzen mehr auf Druck und Zucht als auf das Interesse der Schüler.“ Während 44 Prozent der befragten Westpädagogen die „Bildung einer autonomen Persönlichkeit“ zur wichtigsten Aufgabe erklärten, waren es unter den Ostkollegen nur 19. Die Ostberliner Lehrer setzten dafür deutlich häufiger „Vermittlung von Fachwissen“ als oberste Priorität.

Dabei ist Berlin in einer vergleichsweise beneidenswerten Situation. Durch den hier möglichen Ost-West-Transfer entgeht das Land einem Problem, das gerade wie eine Lawine auf das Bildungswesen der fünf neuen Länder zuzurollen droht: Der anhaltend dramatische Geburtenrückgang in Ostdeutschland wird zu gewaltigen Verschiebungen im Schulsystem führen. Die Schülerzahlen in den Grundschulen, so hat beispielsweise das Land Brandenburg hochgerechnet, werden im Jahr 2000 auf 40 Prozent des Iststandes gesunken sein. Die Zahl der Grundschullehrer müßte entsprechend verringert werden. Von den 11 000 beschäftigten Pädagogen würden dann nur noch 4000 gebraucht. Vera Gaserow