Von Sibylle Zehle

München hat eine wunderbare Oper. Chor und Orchester gehören zu den besten der Welt. Die Finanzen sind solide. Das Haus ist wieder gut in Schuß. Nicht zu vergessen die Pausen. Nirgendwo auf der Welt klappen die Einsätze der Kellner in den Pausen so perfekt wie hier (1. Pause „Tannhäuser“: Balik-Lachs auf Rukula; 2. Pause „Tannhäuser“: Beerenteller mit Vanillecreme). Da konnte man über der makellosen Regieleistung von Traiteur Käfer schon mal vergessen, daß sich am Buffet fürs Auge mehr Überraschung auftat als auf der Bühne.

Und nun kommt an das Münchner Nationaltheater, diesen pompös-behäbigen Traditionsoperntempel, als Nachfolger des schon heute verklärten Wolfgang Sawallisch ein sehr hochgewachsener, sehr eigenwilliger, auch noch asketisch wirkender Engländer, der vorgibt, die Unruhe zu lieben, das Wagnis und das Abenteuer. Und in Interviews Sätze sagt wie: „Ich bin kein Festspielmensch, ich bin ein Theatermensch fürs Alltägliche. Kein Gourmet der Oper. Eher ein Opernprolet.“

Seinen Antrittsbesuch in Bayern macht der neue Staatsintendant im September 1993 bei einer „Traviata“-Premiere. Er ist gerade von London nach München umgezogen, der Smoking nicht auffindbar, dafür aber – gefaltet, gebügelt – der Kilt. Ist München nicht die Hauptstadt der Tracht, denkt der Engländer mit deutschem Vater und schottischer Großmutter. Und gibt seinen gesellschaftlichen Einstand – im Rock.

Shocking fanden das die Münchner, die im Abenddirndl in die Oper gehen und in Lederhosen zur Kirche. Aber Bayerisch ist schließlich nicht exotisch! „Mit Peter Jonas ist der Staatsoper ein Kuckucksei ins Nest gerollt“, schrieb Die deutsche Bühne. Und hielt es für möglich, daß dieser neue Mann, der in Bayern einen „Prozeß der Überraschungen“ einleiten will, „im konservativen München selber der Überraschte sein wird“.

Die erste Opernpremiere des neuen Intendanten (sehr gefährlich, sehr deutsch: „Fausts Verdammnis“ in der Regie von Thomas Langhoff, mit einem fulminanten Bühnenbild von Jürgen Rose) war dann übrigens Ende November ein beeindruckender Erfolg. Aber da hat ja dann gleich die Skisaison begonnen, und schon stand auch Weihnachten vor der Tür.

Aus der Londoner Presse tropfen derweil Abschiedstränen. „Auf Wiedersehen, Pete“, ruft die Times hinterher. Und weint dem Mann nach, dem die Stadt fast ein Jahrzehnt lang lebendiges, spannendes Operntheater verdankt. Man werde, schrieb ein Kritiker, auf das Regime von Jonas „zurückblicken wie auf die goldene Ära der Kroll-Oper unter Otto Klemperer...“