Was tun in schlechten Zeiten, wenn jeder Tag Schwarzer Freitag ist? Wenn die Kunst brotlos wird und die Künstler reihenweise am Rande des Abgrunds taumeln? Wenn staatlich subventionierte Theater geschlossen oder umgewandelt werden in lustige lukrative Privat- oder Musiktheater, was tut da beispielsweise ein nichtsubventioniertes ernsthaftes kleines musikalisch ambitioniertes Privattheater? Es verwandelt sich, hokuspokus, in eine Aktiengesellschaft.

Die „Bar jeder Vernunft“, seit zwei Jahren eine der besseren Berliner Adressen für gehobene Unterhaltungskunst, emittiert seit dem 30. Juni eine „Aktie Weißes Rößl“, und zwar in limitierter Stückelung (200 Aktien à DM 500 = DM 100 000). Das eigentliche Stammkapital des Unternehmens aber, so tönt es romantisch aus der Bar, sei „die Phantasie“. Die Verzinsung erfolgt direkt über eine neue Produktion, die am 5. Oktober 1994 auf der ersten Aktionärshauptversammlung Premiere haben wird: „Das Weiße Rößl am Wolfgangsee“ (Singspiel in drei Akten von unter anderen Ralph Benatzky).

Weiter soll bis zum Jahre 1999 pro Aktie per anno eine Dividende von 6 Prozent ausgeschüttet werden, zahlbar in Form von jeweils einem Billet für eine Vorstellung aus dem laufenden Programm („Kulturgenußanrechtsschein“) – darüber hinaus sind die Aktionäre berechtigt, den Titel „Freund und Förderer der vernünftigen Künste“ zu führen. Die erste Aktie (No. 001 Lit. A) wurde bereits am 24.6. kurz vor Mitternacht von dem Schauspieler Mario Adorf erworben („Der große Bellheim“), weitere Aktionäre der ersten Stunde sind Exwestberlinerbürgermeister Walter Momper und Altdeutschrockstar Udo Lindenberg. So werden alle Menschen zu Mäzenen („pro artibus pagunt“).

Fragt sich freilich der Kultur- und Genußmensch: Muß das partout via „Weißes Rößl“ sein? Das doch sowieso schon in dieser Saison auf den Spielplänen in Coburg und Stendal, in Dresden und in Salzwedel stand? Das doch ohnedies seit mehr als sechzig Jahren als Dauerrenner über die deutschen Provinzbühnen trabt und wiehert und leopoldmäßig allerweil alle Welt „guat lustig sein“ läßt, dergestalt aber nur beweist, daß „Operette“ ein Schimpfwort, die Operette als solche heute tot und begraben und vielleicht gar überhaupt nie etwas anderes gewesen ist als eine Pest von Ausmaß?

Es muß sein. Denn erstens werden hier endlich wieder gute, ja die allerersten Schauspielerkräfte der Republik auf die Operette verwendet. Zweitens sind gut gemachte Operetten nicht lustig; der Operette kommt (schreibt Adorno, der das Phänomen „Rößl“ bereits bei seinem ersten Erscheinen trefflich erkannte) „der Wahrheitscharakter zu, daß sie unter Vernichtung aller personaler Zwischenschichten Verzweiflung enthüllt. Keine Musik widerstreitet gewalttätiger der Freude als die Operette. Sie ist ihr satanisches Gegenbild.“ Drittens ist im „Weißen Rößl“ alles drin, was in schlechten Zeiten zu einem falschen Leben so richtig dazugehört: ein Zahlkellner, ein Oberförster, ein Briefträger, ein Dampfschiffekapitän, eine Kuhmagd, eine Frau, die weiß, was sie will, sowie nebst Kammerdiener der Kaiser Franz Joseph II. persönlich. Er wird verkörpert von Walter Schmidinger. In weiteren Rollen („pro artibus agunt“): Meret Becker, Gerd Wameling und Otto Sander. E.B.