Als im vergangenen Sommer das Berliner Schiller Theater geschlossen wurde, konnte man nicht ernsthaft dagegen sein, und daß man es trotzdem war, mag an der Hitze gelegen haben. Aus dem Schiller-Nachlaß stammt das Schloßparktheater in Steglitz, über dessen Zukunft der Berliner Senat dieser Tage entschieden hat. Der neue Hausherr heißt dort von 1995 an Heribert Sasse, und die Hitze über Berlin, noch schlimmer als im vergangenen Jahr, heißt „Alfred“.

Der Linzer Schauspieler Sasse war in den Achtzigern an der Spree erst erfolgreicher Intendant des Renaissance-Theaters, an der Spitze der Staatlichen Schauspielbühnen dann weniger beliebt. Seit seinem Abgang im Jahr 1990 hat er noch ein paar offene Rechnungen in Berlin. Ein paar allerdings sind schon beglichen; aus dem Renaissance-Theater konnte er dank geschickter Vertragsverhandlungen zwei Millionen Mark abziehen. Einen Gebrauchtwagen würde man wohl kaum von ihm kaufen.

Sasses Geschäftspartner für die Schloßpark-Unternehmung heißt Bernd Schiel und handelt in Berlin mit Autos der Marke BMW. Die Haftung der Gesellschaft „SCHIEL & SASSE Management für Wirtschaft und Kultur“ ist beschränkt. Im Verein mit dem Autor Pavel Kohout will man die „Theaterachse Berlin-Prag“ wiederbeleben, für eineinhalb Millionen Steuermark pro Jahr. Es hätte natürlich zufällig auch Berlin-Sonstwo oder Berlin-Basel sein können.

Sasses Mitbewerber um das Schloßparktheater hieß Rolf Hochhuth, Schriftsteller in Basel. Er nahm seinen Mund mit dem Lob des Autorentheaters so voll, bis die Berliner Zeitungen davon überflössen. Der Macht des Regisseurs sollte Einhalt geboten werden, den Theaterdichtern und -dichterinnen Hochhuths Bühne gehören. Zwei Tourneetheater-Unternehmen wollten helfen. Flankierende Grußadressen deutscher Groß- und Exdramatiker waren schnell besorgt. Sein Stück „Die Plebejer proben den Aufstand“ „sollte in Berlin wieder aufgeführt werden“, grüßte uneigennützig Günter Grass. „Sollte uns nächstes Jahr noch was einfallen, machen wir da sehr gerne mit“, ließ Dieter Hildebrandt wissen.

Hochhuths Liste umfaßte am Ende die fundamentalfeministischen Schriftstellerinnen Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz neben Deutschlands erster antifeministischer Karriereautorin Esther Vilar. Zur Aufführung angekündigt waren hochaktuelle Stücke von Arthur Miller, Peter Ustinov und Carl Zuckmayer. In Hochhuths Autorentheater sollte der Austreibung des Regisseurs offenbar die Abschaffung der Dramaturgie auf dem Fuße folgen. Trotzdem hielt Berlins Tagesspiegel diese Pläne verzückt für die letzte Rettung vor kulturpolitischem „Hörigkeitszwang“.

Nachdem Sasse ihn in Steglitz ausgestochen hatte, erzeugte Hochhuth flugs via dpa den Eindruck, er werde sein Autorentheater „bereits im Herbst“ als „Brandenburger-Tor-Theater“ im Konrad-Wolf-Saal der Akademie der Künste eröffnen, ausgestattet mit 900 000 Mark an Subventionen. Nur beim Kultursenator weiß man davon leider noch nichts. Man fühlt sich in seinen Zweifeln an Hochhuths Seriosität bestätigt und werde das Projekt auch weiterhin mit null Mark unterstützen. Wer eben noch berauscht der Fülle Hochhuthschen Wohllauts lauschte, betrachtet jetzt betreten die Leere seines Windeis.

Jetzt müßte man rasch etwas fordern. Aber was? Vor allem ist es heiß. Das Comeback des Heribert Sasse als windiges Stehaufmännchen aus einer fast schon vergessenen Seitengasse hat etwas niederdrückend Trauriges. Hochhuths Projektgebrause im Hintergrund hatte erwartungsgemäß etwas unangenehm Schaumiges. Aber das Windige kühlt nicht, und der Schaum löscht keinen Durst. Und nun?