Von Konrad Heidkamp

Ach, Sie mögn an Koglmann?“ Ein ernster Fall! Erstens: Wo bei anderen Musikern zwischen gelungenen und schlechten Aufnahmen unterschieden, wo eingeräumt und abgewogen wird, steht der Name Koglmann für ein System, das man liebt oder ablehnt – ein Dazwischen gibt es nicht. Ein Zweites: Der Mann macht sich rar, zeigt sich selten auf Festivals, scheint überhaupt sein südliches Wien kaum zu verlassen. Keiner zum Anfassen also, keiner, mit dem man zwischen den Sets ein Bier trinkt. Statt dessen nur Musik, in kühle Kunst verpackt, seit 1984 fast jedes Jahr eine Platte, immer bei Werner X. Uehlingers „hat ART“ veröffentlicht, eine künstlerische Jahresbilanz. Und dazu die altmeisterlichen Photographien seines kahlrasierten Schädels, seiner dunklen Hornbrille, in der Pose des Denkers, deutlich Distanz verströmend.

„Ich bin ein leidenschaftlicher Koch, und ungefähr die Hälfte meines Repertoires kommt vom Siebeck. Weil, das ist brauchbar, was der schreibt.“ Koglmann ist ein Kulturkerl, ein Renaissancemensch, ein Feinschmecker. Tourneen meidet er meist („Diese Hitze auf der Bühne, ein muffiger Einspielraum, ein warmes Bier“), jetzt war er mit seinem Monoblue Quartet zu Gast in Nürnberg, Köln und Paris („Das gute Essen, der gute Wein, das freut einen halt“), er lacht genußvoll in der Erinnerung, und man ahnt, das ist die angenehme Seite der Wahrheit. Will er nicht, oder will man nicht? Ist diese Musik blutleer und zu abgehoben, oder hat sich der fingerschnippende europäische Durchschnittshörer in der Mentalität eines Zwölfjährigen eingerichtet, wie es der amerikanische Trompeter Chet Baker einmal für die USA konstatierte? Soll man dieser Musik im Konzert zusehen, oder sind das nur öffentliche Proben für eingefrorene Kompositionen auf Schallplatte?

Franz Koglmann betrachtet sich selbst: in erster Linie als „schreibenden Musiker“ – Koglmann plays Koglmann als Außenseiter, als Antispezialisten, als Verfasser kühler Musik und provokanter Thesen. Vielleicht ist es dieses Rezept, das ihn vielen so unverdaulich erscheinen läßt. Und dazu seine wohlfundierten, mit Zitaten und Verweisen stark gewürzten Texte und Vorträge. Der Jazz sei am Ende seines Weges angelangt, verkündet er, die heilige Kuh „Improvisation“ produziere nichts als Klischees, sein Ziel sei es, nicht mit den Tendenzen der Zeit in Einklang zu stehen. Küß die Hand, Herr Koglmann.

Gravitätische Bewegung der Klarinette, verträumte Klarheit der Trompete, Baßtöne wie Lidschläge, anschwellende Klänge von der Elektrogitarre, ein zarter swing pulsiert im Raum – Franz Koglmann und sein Monoblue Quartet im Kölner „Stadtgarten“. Die reine Kammermusik: Der Fuß beginnt ganz leicht, ganz verstohlen zu wippen, doch plötzlich bricht der Gitarrenton mit einem Aufschrei tödlich getroffen zusammen, dann kreuzen sich zarte Dissonanzen in freiem Zusammenspiel, das Bewußtsein der Moderne findet wieder zum Wohlklang der Erinnerung zurück, nur kurz, immer darauf bedacht, sich nicht vom Gefühl überwältigen zu lassen, sich formvollendet vor der eigenen Romantik zu schützen. Als Gast in Köln sitzt diesmal der Altsaxophonist Lee Könitz dazwischen, letzter lebender „Sänger“ des weißen Cool Jazz der Tristano-Schule der fünfziger Jahre, und es scheint, als fühle er sich im Spiegel seiner früheren Musik gefangen, als warte er nur darauf, endlich loslegen zu dürfen, ungebremst von seiner eigenen Vergangenheit, von Koglmanns Version dieser alten Geschichte.

Das Monoblue Quartet – Pfeifenraucher Koglmanns populistische Ausgabe seiner sonst eher strengen Formation wie Pipetet oder Pipe Trio – spielt Musik der Erinnerung, eine Gratwanderung zwischen ernstgenommenen Standards und feiner Ironie. Schon die Besetzung ist Programm: der Bassist Klaus Koch, solides, swingendes Fundament; der erdige, vollmundige Tenorsaxophonist und Klarinettist Tony Coe, der – ganz englischer Exzentriker – jederzeit bereit ist, ins feindliche atonale Lager überzulaufen; der intellektuelle Gitarrist Burkhard Stangl, der manchmal über seinen eigenen Wohlklang erschrickt und ihm vorsätzlich und kurzfristig den Hals umdreht; und schließlich Franz Koglmann, meist am Flügelhorn, mit seinem melancholischen Ton als Taktstock die, Stimmungslage vorgebend: „L’Heure Bleue“ nennt sich die erste grandiose CD von 1991 aus jenem Zwischenreich, „Nuit Blanche“ wird folgen, und jetzt hat sich im Rahmen der „Triennale Köln 94“ eine Hommage zu Duke Ellingtons 20. Todestag als Auftragswerk dazwischengeschoben: „I Thought About Duke“.

Und wieder tritt Franz Koglmann ins Fettnäpfchen: „Ellington wird als Komponist überschätzt. Die besten Ellington-Stücke sind natürlich von Billy Strayhorn.“ Und das Monoblue Quartet intoniert Ellington, und natürlich hat Koglmann reichlich unbekannte Titel gewählt, und natürlich klingt Ellington wie Koglmann. „Wie will man denn so was noch mal machen? Da läßt sich nichts verbessern. Man kann nur versuchen zu zeigen, was er bewirkt hat, und das wieder in den Ellington hineintragen ... diese Instrumentation, die persönliche Klangfarbe, diese ausgeprägte Individualität, wie er musikalische Formen entwickelt. Im Grunde kann man nur scheitern.“ Einige stehen auf und gehen, das ist nicht ihr Duke, nicht ihre Erinnerung, nicht ihre „Black And Tan Fantasy“.