Von Iris Mainka

Fast unmöglich, bei einem Buch mit dem Titel „Schmutzige Wäsche“ nicht gleich an häßliche Szenen vor dem Scheidungsrichter zu denken. Aber es geht um anderes: um durchaus funktionierende Partnerschaften und deren Umgang mit der Wäsche im wahren Sinn des Wortes. Man könnte auch sagen, alles dreht sich um den Männerstrumpf – doch für eine solche Zuspitzung wäre es an dieser Stelle zu früh.

Warum Wäsche? Wieso Strumpf? Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann, ein Experte in Fragen des Alltäglichen, suchte nach einem Mittel, Lebenspartner, Ehepaare zum Reden zu bringen: über ihre Vorstellungen von Gleichberechtigung, über ihre tatsächliche Rollenteilung und ihren Umgang miteinander. Die schmutzige Wäsche erwies sich dabei als geradezu ideales Analyseinstrument, um bis in die „Tiefenstrukturen des ehelichen Gewebes“ vorzudringen. Denn sie ist, schreibt Kaufmann, „ein Träger vielfältigster symbolischer Bedeutungen. Mit ihr verbindet sich die Erinnerung an die ursprüngliche Rolle der Frau innerhalb des Paares, aber zugleich auch der Anspruch auf ihre Veränderung.“

In der Tat: Was könnte mehr alltäglichen Sprengstoff bergen als eine zur falschen Zeit am falschen Ort plazierte dreckige Socke? Was könnte komischer und zugleich dramatischer verlaufen als ein Streit über unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit?

Das war nie anders. Aber seitdem viele Paare in ihren Köpfen das Ideal einer gleichen häuslichen Aufgabenteilung mit sich tragen, ist der Wäscheberg in der Ecke zu einem komplexen Problem angewachsen. Und die jeweiligen Partner bewältigen es, beziehungsweise ihn, auf die merkwürdigsten Weisen, wie Kaufmann herausgefunden hat.

Zum Beispiel Geraldine und Bernhard, 24 und 32 Jahre alt. Sie leben zum Zeitpunkt des ersten Gesprächs erst seit zwei Wochen zusammen und stecken haushaltsmäßig noch mitten in der Imiprovisationsphase. Ihre Wohnung birgt bisher nuir ein Minimum an Möbeln – bewußt, um ihre noch junge Beziehung nicht materiell zu verankern. Dennoch haben sie sich aus praktischen Gründen zum gemeinsamen Kauf einer Waschmaschine entschlossen – was nunmehr tausenderlei Probleme aufwirft: „Zunächst haben sie die Methode des getrennten Waschens ausprobiert, die sie dann aber aufgeben mußten, weil die Menge an Wäsche dafür nicht ausreichte. Augenblicklich versuchen sie, ein komplexes System aufzustellen, demzufolge sie die Wäsche zwar gemeinsam waschen, jeder aber die anfallenden manuellen Arbeiten (Sortieren, Aufhängen, Bügeln) separat erledigt. Entschlossen, bloß keine Haushaltsintegration entstehen zu lassen, sammeln sie weiterhin ihre schmutzige Wäsche in zwei getrennten Behältern, was wenig Sinn macht, da sie sie doch in der Maschine zusammenwerfen.“

Man sieht: Die Sache ist nicht unkompliziert, zumal beide ängstlich darauf bedacht sind, sich als Individuen nicht vom Haushalt vereinnahmen zu lassen. Beim zweiten Gespräch drei Monate später hatte sich das Paar wieder getrennt.