KÖLN. – Kommt ein Deutscher nach Kurdistan, wird er wie ein Freund und Bruder begrüßt. Wie einer, auf den man lange gewartet hat; wie einer, der den Schmerz und das Elend des kurdischen Volkes versteht. Doch ein düsterer Schatten legt sich über diese Sympathie. Skepsis, Verzweiflung, ja Angst nagen am Vertrauen von knapp einer halben Million hier in Deutschland lebender Kurden.

Denn seit Ende letzten Jahres geraten sie, die im demokratischfreiheitlichen Deutschland Schutz vor Repression im eigenen Land suchen, zunehmend unter politischen und psychischen Druck. Politiker, Medien und Sicherheitskräfte scheinen in die gleiche Körbe zu schlagen, wenn es darum geht, die Kurden ins terroristische Abseits dieser Gesellschaft zu stellen. Werden die Kurden auch hier im Stich gelassen?

Seit dem Verbot der PKK, ERNK und weiterer 33 kurdischer Institutionen im November letzten Jahres sind Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Vorladungen und Drohungen mit Abschiebung oder Ausweisung von Kurden zum polizeilichen Alltag geworden. Diese Verfolgung beschränkt sich dabei nicht auf die PKK. Mehr oder minder ist jeder Kurde davon betroffen, der hier noch nicht Abstand von dem Wunsch genommen hat, sein Land und Volk frei von Unterdrückung zu sehen.

Das Ziel "Freiheit" ist nicht mit beschaulicher Meditation zu erreichen, es verlangt die kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen im eigenen Land, in dem seit Oktober letzten Jahres der Kriegszustand herrscht. Tag für Tag sterben Menschen, Angehörige von hier lebenden Kurden.

Bundesinnenminister Kanther weiß von alledem nichts. Er weiß nichts vom Einsatz deutscher Panzerfahrzeuge gegen die Kurden; er weiß nicht, daß die deutsche Finanz- und Wirtschaftshilfe für die Türkei zur Finanzierung des Krieges gegen die Kurden verwendet wird; er weiß schon gar nichts davon, daß es ohne die deutsche Hilfe vermutlich keinen Krieg mehr in Kurdistan geben könnte. Er weiß aber, daß viele der in Deutschland lebenden Kurden Staatsterroristen sind und daß die meisten welche sein könnten. Sein Wissen zählt. Es dringt und drang in die meisten Medien und jetzt sogar bis in das Bewußtsein zweier Polizeiobermeister.

Denn wie gefährlich Kurden sind, mußten die beiden Polizisten wissen, als sie vergangene Woche in Hannover den sechzehnjährigen Halim Dener verfolgten, den sie beim Kleben von Plakaten für die verbotene ERNK ertappt hatten, Beamte in Zivil, die im Umgang mit ihrem Dienstrevolver ausgebildet sein sollten. Sie verfolgten den Jugendlichen mit gezogener Dienstwaffe, aus der dann ein tödlicher Schuß fiel. Unbeabsichtigt, versteht sich. Ein Malheur der Polizei. Selbstverständlich gab es keinen Verstoß gegen die Dienstvorschriften.

Es mag wie makabre Ironie klingen: In den Augen der staatstreuen türkischen Zeitung Hürriyet war der Todesschuß auf den sechzehnjährigen Kurden nicht mehr als ein weiterer erfolgreicher Schritt gegen die PKK. In großen Lettern steht die Binsenwahrheit auf der ersten Seite: "Hast auch Du endlich verstanden, Hans?" – nach dem Motto: Wir haben ja immer gewußt, wie der Deutsche mit solchen militanten Kurden umgehen muß. Sollte "Hans" wirklich die türkische Scheuklappenpropaganda vom militanten Kurden akzeptiert haben?