Von Fredy Gsteiger

Jahrzehntelang mußten die Tiere in finsteren Verliesen schmachten. Arme Bestien? Nein: arme Menschen! Denn die Tiere sind längst tot. Eines von ihnen, ein Rhinozeros, das König Ludwig XV. geschenkt bekommen hatte, gar seit mehr als dreihundert Jahren – ausgestopft und einbalsamiert. Die Menschen hingegen durften die Schätze des Naturhistorischen Museums in Paris seit 29 Jahren nicht mehr bestaunen.

Im Zweiten Weltkrieg durch fehlgeleitete Fliegerabwehrgeschosse der Deutschen schwer beschädigt, wurde die große Halle des Museums schließlich 1965 wegen Baufälligkeit geschlossen. Immer weniger Pariser mochten sich die Büffel ohne Hörner, das zahnlose Flußpferd und die siebzig Katzen mit blinden Glasaugen anschauen und den betäubenden Naphtalingeruch einatmen.

Doch seit Ende Juni sind sie wieder alle da, die Kakerlaken, die Kolibris, die Kamele, viel schöner als vorher. Was Präsident François Mitterrand einweihte, hat freilich nur noch wenig zu tun mit einem naturhistorischen Museum klassischen Zuschnitts. Es ist ein Spektakel, eine üppige Inszenierung mit 20 000 Darstellern. Vorbei die Zeit der Glaskästen, als in kleinen Boxen notdürftig der natürliche Lebensraum nachgeahmt wurde – Elefant in afrikanischer Savanne, Pinguin auf antarktischem Eis...

Man tritt ein durch die neue Glasfront der "Großen Galerie" und steht jäh auf der Arche Noah. Kein Neonlicht, keine grellen Scheinwerfer, sondern präzise abgestimmte Lichteffekte. Sie erfüllen die riesige Halle, die Jules André vor hundert Jahren als "Louvre der Naturwissenschaften" gebaut hat, mit düsterem, geheimnisvollem Zauber. Derart lebensecht und unmittelbar sind die toten Darsteller, daß mancher Dreikäsehoch vorsichtshalber einen kleinen Bogen schlägt, um der Pranke eines Löwens oder dem Rüssel eines Elefanten auszuweichen.

Schwer, nicht beeindruckt zu sein vom Defilee afrikanischer Tiere mitten in der Halle, von den achthundertfach vergrößerten Bakterien, vom 26 Meter langen Walgerippe. Insekten scheinen zu krabbeln und Krebse zu kriechen – unsere Ahnen! Es ist, als liefe ein spannender Film ab über das Werden des Lebens auf diesem Planeten, ein Krimi, bei dem allein das Ende offenbleibt.

Zwei ältere Damen aus Amerika, die sich noch in der Warteschlange vor der Kasse wortreich mit Wohnungseinrichtungsfragen auseinandergesetzt haben, sind auf einmal sprachlos. Eine kurz zuvor kichernde Mädchengruppe steht ehrfürchtig vor einem Elefanten, auf dessen Rücken ein Tiger gesprungen ist. Ein kleiner Junge fleht seinen Vatei an, er möge ihn wenigstens das weiche Fell der Gazelle "ganz kurz und ganz sanft" berühren lassen.