Von Sabine Rückert und Kuno Kruse

Sie nennen ihn Thang Rau Cao, das ist vietnamesisch und heißt „der Frischrasierte“. Sie sehen ihn jeden Tag, mehrmals, und immer hat er sich gerade rasiert. Nur auf der Oberlippe hat er einen kleinen Bart zugelassen. Er ist Polizeibeamter auf der Wache in Bernau bei Berlin. Und die Vietnamesen fürchten ihn.

Sie wissen alles über den „Frischrasierten“, Bernau ist klein, und die Vietnamesen verkaufen dort geschmuggelte Zigaretten – einige einen Steinwurf von seinem Küchenfenster entfernt. Sie kennen sein Haus, seine Gewohnheiten und seine Frau. Sie wissen, daß er ein Kind hat, eine Schwester und Eltern, die um die Ecke wohnen. Und einige von ihnen sagen, sie wußten noch mehr, von einer dunklen Seite, von der niemand etwas ahnte.

„Er schlug immer zu, immer, immer“, erzählt Le Quang*, ein junger, zarter Asiate mit einem weichen Gesicht und leichtem Flaum. Dreimal, sagt er, geriet er dem „Frischrasierten“ in die Fänge. Das letzte Mal vor drei Wochen. Zwei Uniformierte hätten ihn in Handschellen auf das Revier in der Weißenseer Straße geschleppt. Er habe schon gewußt, was ihn erwartete: „Ich mußte mich nackt ausziehen, dann wurde ich geschlagen. Sie schlugen mich mit Fäusten überallhin, vor allem auf den Kopf, ins Gesicht und gegen den Kiefer, in den Nacken, und sie traten mich mit ihren Stiefeln ans Schienbein.“ Es sei wie ein Ritual gewesen von oben nach unten. „Der mit dem Oberlippenbart fragte mich immer wieder etwas auf deutsch. Ich verstand nichts. Und dann schlug er um so mehr.“ Le Quang greift ein Blatt Papier und zeichnet den Grundriß der Wache. Das große Eisentor, die Anmeldung, dahinter drei Räume. „Es geschah im mittleren, dem, der ganz leer ist.“

Auch Bui Van Loan erzählt von diesem Raum ohne Möbel und von dem frischrasierten Polizisten mit dem Oberlippenbart. An zwei Männer erinnert er sich, die ihn quälten, beide in Uniform. Einer trug Lederhandschuhe. Dann habe man ihn gezwungen, einen Damenschlüpfer anzuziehen, den er für eine Freundin in der Tüte hatte. So lächerlich gemacht, erzählt der Vierzigjährige, mußte er vor den Polizisten auf und ab gehen. Den leeren Raum beschreiben viele Vietnamesen. Sie beschreiben den schmuddeligen Vorhang, der manchmal zugezogen wurde. Und sie reden von einer Menge Wachleuten, die Zeugen ihrer Torturen waren, von anderen, die sich an ihrem Elend weideten und bei denen sie auf kein Erbarmen hoffen konnten, nicht mal bei den uniformierten Frauen. „Wir mußten Grimassen schneiden, die Mundwinkel auseinanderziehen, damit wir wie Chinesen aussehen sollten. Dabei wurden wir photographiert“, so einer der Vietnamesen. „Sie zogen ein Messer und drohten uns, damit unsere Geschlechtsteile abzuschneiden“, ein anderer. Einem sollen sie eine Jacke über den Kopf gezogen und ihn dann mit beiden Handflächen gleichzeitig auf die Ohren geknallt haben, so daß er zwei Wochen lang taub war. Und manches klingt noch unfaßbarer. Zum Beispiel die Geschichte desjenigen, der behauptet, von vier Beamten zu einer entfernten Dienststelle gebracht worden zu sein. Dort habe ein Mann, der sich als Zollbeamter ausgab, ihm befohlen, sich auszuziehen. Die anderen waren weg. „Ich dachte, wahrscheinlich will er meine Kleidung durchsuchen. Dann begann er, sich selbst auszuziehen, und versuchte, mich zu vergewaltigen.“

Reine Erfindungen? Oder gar eine Verschwörung, um die deutsche Polizei zu beschädigen?

Aussagen wie diese füllen seitenlange Gedächtnisprotokolle, die der deutsch-vietnamesische Verein „Reistrommel“ aufgezeichnet und jetzt veröffentlicht hat. Die zuständige Staatsanwältin in Frankfurt/Oder fürchtet: „Da ist was dran.“ Sie reagierte prompt. Die Wohnung des Hauptbeschuldigten wurde durchsucht, nach Photos oder anderen Beweismitteln. Die ahnungslose Ehefrau war völlig aufgelöst, der Beamte selber blieb gamz ruhig, als die Ermittler die Wohnung betraten. „Ich hatte das Gefühl“, sagt einer von ihnen, „daß er wußte, was auf ihn zukommt.“ Auch die Spinde der ganzen Schicht wurden durchkämmt.