Von Rüdiger Wischenbart

Die Artikel über Jack Unterweger brauchen Sie nicht mehr zu lesen“, sagt der Zeitungsverkäufer am Morgen nach dem Urteil, „die haben sich erübrigt.“ Eben war im Radio gemeldet worden, der am Vorabend des neunfachen Prostituiertenmordes schuldig Gesprochene habe sich in seiner Zelle in Graz erhängt. Ein unangenehmer „Fall“ hatte sich von selbst erledigt. Erleichterung nach einem Ärgernis. Man war etwas losgeworden. Bloß, was war „es“ denn gewesen?

Zehn Wochen lang, in zweihundert Verhandlungsstunden, war vor acht Geschworenen ein Indizienprozeß geführt worden. Die Anklage lautete auf elffachen Mord und eine schwere Körperverletzung. Die Story blieb mehr als zwei Monate lang auf den Titelseiten. Selbst die Monotonie eines Verhandlungsmarathons hatte über die ungelösten Seiten der Geschichte nicht hinwegzutäuschen vermocht. Elffacher Serienmord und kein Beweis. Eine Indizienkette, gestützt auf modernste Untersuchungsmethoden, gewiß doch, Genanalyse, Täterprofile, Experten zuhauf. Doch immer hing am Ende wieder alles an einem Haar und an 99,99prozentigen Wahrscheinlichkeiten.

Letzte Sicherheit, gar ein Geständnis, förderte der große Prozeß nicht zutage. Also kehrte sich die Geschichte in all ihren unendlichen Umwegen und Verstrickungen jedesmal wieder um, und alle Fragen, alle Aufmerksamkeit, aller Voyeurismus richteten sich erneut auf die Person des Beklagten.

Der saß da und notierte eifrig in seinen Heften – so wie es Schriftsteller eben tun. Mitunter erhob er sich, setzte an zu langen, eloquenten Reden, um jedesmal von neuem seine Version der Geschichte zu erzählen: einer wie er habe eben keine Chance in diesem Leben. Aufgewachsen in Heimen, bei Pflegeeltern, von Kindesbeinen an vertraut mit dem Leben von Huren und Zuhältern, aggressiv, zweifellos hochintelligent, aber aufs schwerste sozial beschädigt, ein Narziß, einer, der auftrumpft, der sich groß macht, überdies schon einmal verurteilt wegen Mordes.

Doch, so die Fortsetzung der Unterweger-Geschichte, in der Haft habe er sich geläutert, indem er zu schreiben begann, Romane, Theaterstücke, Autobiographisches. So wurde er berühmt. Interventionen der Kulturprominenz trugen zu seiner bedingten Freilassung maßgeblich bei. Als er aus dem Gefängnis herauskam, stand er im Scheinwerferlicht. Jetzt, sagte Unterweger und plädierte, scheinbar unbeeindruckt vom geballten Druck der Anklage, auf unschuldig, jetzt wolle man ihm das neugewonnene Leben wieder nehmen, denn einem wie ihm, so wiederholte er, gebe man keine Chance auf ein zweites Leben.

Offen blieb, über den langen Prozeß hinweg, die Lücke dazwischen. Wie konnten Unterwegers Intelligenz, seine rhetorische Brillanz und Selbstsicherheit, seine, sobald er sprach, durchaus einnehmende Persönlichkeit zusammengehen mit elffachem – oder neunfachem – Serienmord? Wie passen sie zusammen mit schrankenloser Wut gegen Frauen und mit lebensverachtender Kälte, die nötig sind, um im Verhör über Wochen und Monate keinen gravierenden Fehler zu machen, über den man ihn fangen könnte? Und hat es denn gar nichts genutzt, daß er schreibend sein Leben abarbeitete?