Von Christian Tenbrock

Wie kann es Eintracht geben, wenn so viele Leute voller Ärger sind?" Diese Frage stellte im Februar einer von 80 000 Beschäftigten von United Airlines in einem anonymen Brief an die New York Times. Fünf Monate später, kurz vor der möglichen Übernahme der amerikanischen Fluggesellschaft durch Piloten, Bodenpersonal und Flugbegleiter, ist eine Antwort noch immer nicht gefunden.

Anfang der nächsten Woche müssen die Aktionäre entscheiden, ob United künftig im Mehrheitsbesitz seiner Beschäftigten sein wird. Geben sie grünes Licht, wird der amerikanische Partner der deutschen Lufthansa zum größten von Arbeitern und Angestellten gehaltenen Unternehmen der Vereinigten Staaten. Ob das Experiment gelingt, ist freilich völlig unklar.

Nach siebenjährigen Verhandlungen mit dem Vorstand hatten die Piloten- und Maschinistengewerkschaften der Fluggesellschaft zur Jahreswende dem Vorhaben zugestimmt, mindestens 55 Prozent von United zu übernehmen. Im Gegenzug erklärten sie sich bereit, in den nächsten sechs Jahren Lohnkonzessionen in Höhe von 4,9 Milliarden Dollar zu machen und die Gründung einer separaten Billig-Fluglinie zu erlauben.

Die über 8000 Piloten müssen nach dem Plan auf 15,7 Prozent ihres Gehalts verzichten und erhalten dafür 46 Prozent des Arbeitnehmeranteils an United. Das technische Personal wird 9,7 Prozent Lohn verlieren, die nicht gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten 8,25 Prozent. Insgesamt dürfte United durch die Zugeständnisse seiner Arbeitnehmer pro Jahr 600 bis 800 Millionen Dollar einsparen, rund vier Prozent der laufenden Kosten.

Gelingt das Tauschgeschäft, wird der United-Buyout "zu einem bahnbrechenden Ereignis in der Geschichte der Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Amerika", meint Christopher Mackin, Chef der Consultingfirma Ownership Associates in Cambridge/Massachusetts. Aber Komplikationen kündigen sich bereits an: Zunächst hat die Gewerkschaft der Flugbegleiter, die bei United 17 376 Stewards und Stewardessen vertritt, dem Plan nicht zugestimmt. Lautstarke Kritik wurde auch aus den Reihen des Bodenpersonals und der Piloten laut. "In allen Gruppen gibt es Opposition gegen vermeintlich zu große Konzessionen", sagt Mackin, der seit fast zwei Jahrzehnten amerikanische Firmen berät, die im Besitz ihrer Belegschaft sind.

Diese Opposition zu überwinden wird Aufgabe des von den Gewerkschaften berufenen neuen United-Chefs Gerald Greenwald sein. Der frühere Vize beim Autoproduzenten Chrysler übernimmt von seinem Vorgänger Stephen Wolf ein an sich gesundes Unternehmen. In den achtziger Jahren wandelte sich United von einer fast ausschließlich auf den amerikanischen Markt konzentrierten Airline zu einer weltweit operierenden Fluggesellschaft. Ihre Betriebskosten lagen Anfang 1994 nach Angaben Wolfs fast um die Hälfte unter denen der Lufthansa. Dennoch machte United im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 14,5 Milliarden ein Minus von 50 Millionen Dollar. Besonders auf den Kurzstrecken verzeichnete die Fluglinie schwere Verluste.