So etwas hat es in der Tat noch nie gegeben: Das größte Kreditinstitut der Republik erzählt offenherzig aller Welt, was es in der Affäre um den Immobilienunternehmer Jürgen Schneider falsch gemacht hat, und gelobt Besserung. Der abgetauchte Bankrotteur, so ergab der Bericht der beauftragten Wirtschaftsprüfer, erhielt seine Millionenkredite aufgrund unzureichender oder gefälschter Unterlagen; weitere Informationen wurden „in der Regel“ nicht angefordert; Kontrollen waren zu lax, das Vertrauen in die Person des Spekulanten war schier unglaublich groß. Das alles ahnte man zwar schon, als Schneiders Schwindel im April aufflog, trotzdem verblüfft die offizielle Bestätigung.

Daß die Deutsche Bank den Beleg für das eigene Fehlverhalten in aller Öffentlichkeit ausbreitete, ist ein Indiz dafür, wie sehr die Affäre den Ruf des Hauses beschädigt hat. Nun versucht der Frankfurter Vorstand um Hilmar Kopper Kunden und Konkurrenten zu signalisieren: Es wurden Regeln mißachtet, die verantwortlichen Manager müssen ihren Hut nehmen, es ist alles unter Kontrolle, die Bank hat die Initiative zurückgewonnen.

Zwischen den Zeilen dokumentiert der Sonderprüfungsbericht freilich noch andere Verwerfungen. Und die betreffen keineswegs nur den Primus des Geldgewerbes. Es wurden eben nicht nur Regeln verletzt, viel schwerer wiegt, daß die Regeln selbst offenbar nicht mehr ausreichen, um den Bankbetrieb in einem radikal veränderten Umfeld zu beherrschen.

Die Zeiten sind vorbei, da das Immobiliengeschäft im Kreditgewerbe noch als grundsolide bis langweilig galt. Längst geht es nicht mehr nur um Geld für Grundstücke und Backsteine. Heute werden nicht mehr nur Baukredite für Büro- oder Geschäftshäuser bereitgestellt, sondern komplizierte Dienstleistungsunternehmen mit raffinierten Konzepten finanziert, in denen das eigentliche Gebäude nur einen kleinen Teil ausmacht. Wer sich auf solche Risiken einläßt, ohne zu wissen, wie man mit ihnen umgeht, läuft ins offene Messer. Dies ist bei der Deutschen Bank geschehen. Die Anpassung der internen Prüfverfahren haben alle jene Banken, die sich von Schneider übers Ohr hauen ließen, offensichtlich versäumt. Ohne es recht zu begreifen, haben sie im Fall Schneider phantasievolle Konzepte finanziert, die später nicht aufgingen oder von vornherein unrealistisch waren. Gesichert waren die Kredite aber nur mit Stahl und Beton.

Die sich elitär gebenden Banker sind, allem Augenschein nach, betulicher als ihre Kunden. Und der Immobilienmarkt ist nur ein Beispiel dafür, wie sich das vertraute Umfeld der Banken in den vergangenen Jahren rapide verändert hat. Längst gibt es neue Geschäftsfelder, deren Risiken sich noch schwerer überblicken lassen: Besonders augenfällig ist dies bei den ausufernden Märkten für Optionen und Termingeschäfte. Bei diesen Finanzderivaten räumen manche Banker selbst ein, daß sie die Risiken auf seiten ihrer Geschäftspartner nicht immer überblicken. Auch hier haben, wie Warnungen der Bankenaufseher belegen, die Regeln mit der Geschäftsentwicklung nicht Schritt gehalten. Experten der großen Notenbanken versuchen hier, wenigstens internationale Sicherheitsstandards zu erarbeiten.

Die Affäre Schneider hat die Deutsche Bank in ihrer oft an Überheblichkeit grenzenden Selbstsicherheit tief erschüttert. Ob dieser Schock bei konkurrierenden Instituten auch gewirkt hat, ist unklar. Auch im Bankgewerbe wird man offensichtlich erst durch Schaden klug.

Wolfgang Köhler