Ich habe nicht viel von ihm erwartet, und bis 1990 hat er mich auch nicht enttäuscht. Selbst wer wie ich kein Freund dieser deutschen Neuvereinigung war, muß zugeben, daß der außenpolitische Teil dieser Transaktion ein kluges und imponierendes Manöver war. Und auch wenn die Idee zum Kernstück dieses Manövers – der kommoden Aus- & Umquartierung der russischen Soldaten in der DDR – nicht von Kohl, sondern vom European Center for International Security in Starnberg stammt, so hat er sie doch durchgesetzt und realisiert und damit erreicht, daß es bald ein besetztes Land weniger gibt. Wenn man so will (weil das gerade aktuell ist): eine zweite Befreiung Deutschlands.

Hier wurde mit sehr viel Geld kluge und umsichtige Politik gemacht. Das war Scheckbuchdiplomatie von der besten Sorte, was man ja sonst von der Einigung nicht sagen kann. Ich habe den Verdacht, daß die deutsche Einheit die Bürger der Republik am Ende – finanziell – etwa soviel kosten wird wie ein mittlerer Weltkrieg.

Es gibt aber noch andere Einheitskosten, die viel schwerer wiegen: In der alten Bundesrepublik gab es eine allmählich wachsende substantielle liberale Minderheit, die das politische und moralische Klima bestimmt hat. Ein Klima, das viele daran gehindert hat, sich offen rassistisch oder antisemitisch zu äußern oder zu betätigen. Sie hätten sich ganz einfach geschämt. Dieses Klima war eine Art Verhaltenstherapie, die eigentlich ganz gut angeschlagen hat. Keine große politische Leistung, aber ein gewisser Standard des Sagbaren und des Unsäglichen, der einigermaßen gewahrt wurde. Und jetzt scheint, zusammen mit der deutsch-deutschen Grenze, auch diese Schamgrenze gefallen zu sein.

Daß Kohls Regierung mit der Ankündigung einer „geistig-moralischen Wende“ angetreten ist und daß neulich ausgerechnet ein Mitglied der Regierungspartei – nämlich Herr Spranger – einige neuere Entwicklungen in der Republik als einen „geistig-moralischen Sumpf“ bezeichnet hat, könnte eine hübsche ironische Fußnote abgeben, wenn dieser Sumpf nicht schon ziemlich blutig wäre und nach verbranntem Fleisch riechen würde.

Ich spare mir meine Ironie lieber für die Kosten der sehr teuren – aber unblutig gebohrten – Brunnen in Somalia, die jetzt wohl auf dem Konto „Aufwendungen für außerparlamentarische Verfassungsänderungen“ gebucht werden. Und immerhin liegen diese Kosten noch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle von einer Milliarde Mark.

Ein Freund von mir hat vor etwa einem Jahr gesagt, der Slogan der achtziger Jahre, der Yuppiejahre, sei gewesen: „Die Reichen müssen noch reicher werden“, während der Slogan für die neunziger Jahre jetzt heiße: „Die Armen müssen noch ärmer werden.“ Das ist – Gabriele Wohmann („Schriftsteller müssen so edel sein, daß ihnen beispielsweise das ,Recht‘ auf ‚Schlechtwettergeld‘ näher am Herzen liegt als die eigene Einkommensteuererklärung“) wird das nie begreifen – nur scheinbar eine Tautologie. Als Anhänger der Trickledown-Theorie (die da besagt, daß wachsender Wohlstand der oberen Ränge allmählich bis zu den unteren Etagen durchtröpfelt) plädiere ich für eine Wende zurück in die achtziger Jahre. Es muß wieder gelten, was damals gegolten hat: Die Reichen müssen noch reicher werden.

Günter Ohnemus, Jahrgang 1946, ist Schriftsteller und lebt in München. Zuletzt veröffentlichte er den Erzählungsband „Die letzten Großen Ferien“