MÜNCHEN/NÜRNBERG. – Scheinbar geht es nur um zwei Museen; tatsächlich geht es jedoch um sehr viel mehr. Daß eine Großstadt wie München oder Nürnberg ein Haus braucht, in dem sie die zeitgenössische Kunst sammelt und präsentiert, bestreiten selbst Banausen nicht, auch nicht die Bayerische Staatsregierung. Also fällte diese eine großherzige Entscheidung: München sollte ein Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts, die „Dritte Pinakothek“ bekommen – und damit der weiß-blaue Zentralismus nicht gar so sehr ins Auge sticht, sollten die Nürnberger auch eins erhalten, bescheidener zwar, nicht so pompös, aber immerhin. Kosten des kulturellen Doppelschlags: über 300 Millionen Mark. Mehr als zwei Drittel davon sollten in die Landeshauptstadt fließen, der Rest nach Nürnberg.

Über zwei Jahre sind seit diesem Beschluß vergangen, nur getan hat sich nichts. Doch jetzt könnte die unendliche Geschichte noch vor der parlamentarischen Sommerpause ihr Ende finden.

Begonnen hatte der Verdruß mit Edmund Stoiber und seiner Amtsübernahme als Ministerpräsident. Kaum im Amt, wollte sich der apollinisch strenge Stoiber, der zwar häufig auf der Ehrentribüne beim FC Bayern hockt, aber selten in eine Ausstellung oder Galerie geht, als Sparkommissar nach all der Amigo-Liederlichkeit profilieren. Da kam ihm die Kunst gerade recht. Die beiden Museumskomplexe wurden ad acta gelegt. „Das wünschenswerte, aber nicht dringlich notwendige Projekt muß ... aufgeschoben werden“, teilte er der verblüfften Öffentlichkeit mit.

In Nürnberg fand sich daraufhin ein konsternierter Stadtrat zu einem Appell zusammen, in dem der Landesvater aufgefordert wurde, den Neubau „ohne Verzögerungen“ zu realisieren. Als Antwort kam aus der Staatskanzlei ein mehrseitiges Rechtfertigungsschreiben, das eine „Garantieerklärung“ zum Museumsneubau in der ehemaligen Reichsstadt enthielt. Was das Datum anging, herrschte in dem Schreiben freilich erneut orakelhaftes Schweigen. Immerhin, die Nürnberger hatten Stoibers Wort.

Dennoch ärgerten sie sich, und ihr Ärger war begründet. Rund 25 Millionen Mark hatte die Kommune an Vorleistungen für das Staatsmuseum erbracht, auch ein Grundstück in zentraler Lage war gefunden worden. Außerdem gab es einen Architektenwettbewerb und mit dem Entwurf des Berliner Architekten Volker Staab ein brillantes Konzept. Nicht zuletzt aber wartet eine in Jahrzehnten aufgebaute Sammlung auf einen repräsentativen Rahmen. Kein Wunder also, daß im Frankenland nach Stoibers Baustopp die Wogen der Entrüstung hochgingen, obwohl die Pläne für den Münchner Bau auch storniert wurden.

Entweder beide Häuser oder keines von beiden, so hatte es von Anfang an aus der Staatskanzlei geheißen. Indes, Mißtrauen blieb, sowohl in Nürnberg wie in München. Als dann Kultusminister Hans Zehetmair auch noch die Idee einer privaten Anschubfinanzierung ins Spiel brachte, wähnten sich die Franken erst recht im Nachteil, können sie doch nicht auf eine ähnlich finanzstarke und mäzenatisch gesonnene Wirtschaft zählen wie die Landeshauptstadt. Dort hatte allein die Wormland-Stiftung eine halbe Million auf den Tisch geblättert – mit der Bedingung, daß das Geld nur bei sofortigem Baubeginn noch 1994 frei werden würde; andernfalls sollte es der Altenhilfe zugute kommen.

Auch die Münchner Tageszeitungen rührten die Werbetrommel, als gelte es, die Kunstmetropole vor dem kulturellen Kahlschlag zu bewahren. Die tz hatte dabei die Idee, in einer Aktion „Baustein“ den Bürger an der Kunst zu beteiligen und ihn für je zehn Mark einen Stein des künftigen Museums erwerben zu lassen. Selbst Otto von Habsburg meldete sich daraufhin aus Brüssel und erstand für Familienmitglieder und Sekretärinnen ein kleines Kontingent der handlichen Sandquader. Resolut gab sich auch die Abendzeitung, die forderte „Das Museum muß her, jetzt oder nie!“, und selbst die sonst so besonnene Süddeutsche Zeitung kam mit dem endzeitlich dramatischen Titel „Letzte Chance für die Pinakothek der Moderne“ heraus. Dabei versteht sich fast von selbst, daß es dem renommierten Blatt nur um den Münchner Part in dem Museumsdoppel ging.