Von Lothar Baier

Budjonnys Reiter! An der Transitstrecke Lemberg-Kiew, kurz vor Brody, dem galizischen Geburtsort Joseph Roths, machen sie Anstalten, in einem gewaltigen Sprung vom Hang über die Straße zu setzen. Genauer gesagt: Der eine der beiden Reiter, der gute, russisch-Rote, hat den vor ihm fliehenden, den schlechten, polnisch-Weißen, bereits am Wickel.

Den Ukrainern ist das gigantische, schon kilometerweit sichtbare Sowjetmonument ein Ärgernis. Es war ihnen vor die Nase gesetzt worden, nachdem das galizische Operationsfeld des Reitergenerals Budjonny im Bürgerkrieg von 1920 am Ende des Zweiten Weltkriegs sowjetisch geworden war. Die vielen Tonnen Stahl, Beton und Bronze des Denkmals zusammen mit ihrem tief in die Erde eingelassenen Fundament zu entfernen, das stellt die postsowjetische arme Ukraine vor erhebliche technische und finanzielle Probleme.

Auf dem Papier ist der Name des Bolschewiken-Generals Budjonny, der im Unterschied zu manchen seiner Generalskollegen Stalins großer Säuberung entging, vergleichsweise einfach zu tilgen: Es genügt, den Titel des Buchs, der den Namen des Generals verewigt hat, in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. „Die Reiterarmee“ hatte Isaak Babel schlicht sein 1926 in Moskau gedrucktes Buch überschrieben; „Budjonnys Reiterarmee“ war ein Zusatz des Malik Verlags, dessen gleichfalls 1926 erschienene deutsche Übersetzung die Namen Babel und Budjonny irreführend aneinanderkoppelte.

Als mitreißender literarischer Chronist des Revolutionskriegs von 1920 ist der 1894 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Odessa zur Welt gekommene und 1940 in Moskau der stalinistischen Raserei zum Opfer gefallene Isaak Babel weltweit bekannt geworden; als ein der bolschewistischen Revolution verschriebener Schriftsteller, der zugleich das Erzählen revolutionierte und deshalb nicht in Versuchung geriet, auf dem Papier konventionelle Monumente zu errichten nach Art des erwähnten Reiterstandbilds. Mit seinen Geschichten wurde Babel in der Sowjetunion der zwanziger Jahre rasch populär, denn er verstand es, in ihnen die vertraute russische Erzähltradition anklingen zu lassen und gleichzeitig einen unerhört neuen Ton zu finden. Babel hat nie verleugnet, daß er bei Tolstoj in die Schule gegangen war und den ganz anders gearteten Maupassant bewunderte; seine Originalität bestand darin, daß er von klassischen Vorbildern das strenge Formempfinden übernahm, die Formen selbst aber unter dem Eindruck einer sich rasend verändernden Wirklichkeit ganz und gar neu erfand.

Nicht nur die Geschichten der „Reiterarmee“, auch die weniger bekannten Erzählungen aus Odessa sind bis heute lebendig geblieben, weil in ihnen die Spannung zwischen Altem und Neuem, zwischen Nähe zu Menschen und Dingen und Distanzierung, zwischen Melancholie und Humor keine Ruhe gibt. Von der Person des hochgebildeten und polyglotten Isaak Babel sprechen alle, die dem Schriftsteller in Berlin, Paris oder Moskau begegnet sind – von Elias Canetti über André Malraux bis zu Oskar Maria Graf – mit Sympathie und Hochachtung; Graf nannte ihn in seiner „Reise in die Sowjetunion 1934“ den „witzigsten sowjetrussischen Schriftsteller“. Den Parteibürokraten allerdings schmeckte Babels Witz nicht: Als er in seiner Rede vor dem Allunionskongreß der Schriftsteller 1934 ironisch empfahl, sich zwar an Stalins Arbeit am Wort, nicht aber an seinem Stil zu orientieren, begannen sie ein Auge auf ihn zu werfen. Nach dem Tod seines Förderers Maxim Gorkij im Jahr 1936 schmolz die Zahl der Freunde zusammen, die ihn gegen Verdächtigungen in Schutz nehmen konnten. Im Mai 1939 wurde Babel verhaftet und im Jahr darauf am Ende der grausamen Farce eines „Spionageprozesses“ erschossen.

Als Huldigung an Isaak Babel hat die Friedenauer Presse zum hundertsten Geburtstag eine Neuausgabe der „Reiterarmee“ herausgebracht, von Peter Urban vollständig neu übersetzt auf der Grundlage der russischen Erstausgabe und vom Übersetzer gewissenhaft kommentiert. Das ist ein weiterer Ehrenpunkt für den kleinen Berliner Verlag, der sich mit der deutschen Erstveröffentlichung von Babels „Tagebuch 1920“, mit Daniii Charms’ gesammelten Notizen „Die Kunst ist ein Schrank“ und mit seinen liebevoll hergestellten Achmatowa-, Mandelstam- und Chlebnikow-Heften große Verdienste um die Vermittlung moderner russischer Literatur erworben hat. Die neue „Reiterarmee“ gehört in jeden ordentlichen Bücherschrank mit russischem Fach – wo sie jedoch auf mehrere dort ausharrende „Reiterarmee“-Ausgaben treffen könnte und also ihre Vorzüglichkeit im Vergleich unter Beweis stellen muß.