Die Gemeinde lärmt, die Orgel schweigt: In Hildesheim will der Streit um das neue Instrument für Sankt Michaelis kein Ende nehmen. Die Kirche ist nicht irgendeine: Sie ist, in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts vom Heiligen Bernward errichtet, eine der ehrwürdigsten und schönsten des Kontinents. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut, wurde der herrliche ottonische Bau von der Unesco in die Goldene Liste des Weltkulturerbes aufgenommen – gleich neben dem Tadsch Mahal und den Cheops-Pyramiden.

Jetzt sollte nach sieben Jahren sorgfältiger Planung, ungezählten Diskussionen und einem Symposion endlich auch eine neue Orgel, ein großes, dreiteiliges Instrument, in den Ostchor, hinter den Altar gebaut werden: hoch und schlank, zwei Seitenflügel – ein Engelsrücken. Doch schon schwillt der Streit wieder an. Die Kirchenfreunde vom Heimat- und Geschichtsverein sind plötzlich aufgewacht. Sie fürchten die Zerstörung der Raumwirkung durch die Orgelpfeifen.

Ein neues Instrument muß sein, allein das ist unbestritten. Die alte Orgel, die nach dem Wiederaufbau 1958 von Paul Ott in das südwestliche Querschiff gehängt und mit runden Säulen abgestützt wurde, läßt sich nicht mehr ordentlich bespielen: Der Schaumstoff der Ventilklappen zerfällt, der Korpus hat eine Resonanz wie eine Zigarrenkiste, die Aufschnitte der Pfeifen sind zu niedrig, der Aufbau erinnert an abgestellte Kleiderschränke. Doch wohin mit dem neuen Instrument in einer Kirche, in der ja ursprünglich gar keine Orgel vorgesehen war?

Der Orgelbauer Gerald Woehl will das neue Instrument nur verwirklicht sehen; wo, selbst wann, ist ihm nicht so wichtig. "So ein Auftrag kommt nur ganz selten." Sankt Michaelis sei als Klangraum so schön wie der Kölner Dom. "Dort ist es lauter, hier ein bißchen feiner." Außerdem lohnen 1,6 Millionen Mark ein bißchen Warten.

Die Argumente der Heimatfreunde sind allerdings auch nicht von der Hand zu weisen: Der Kirchenraum wird amputiert; die Apsis würde verschwinden, die Fenster wären verstellt. Und dem Morgenlicht, Symbol der Erlösung, verbauten die Pfeifen den Weg.

Das also nicht.

Doch wenn nicht in den Ostchor, wohin dann mit der neuen Orgel? Das sollte sich auch der (ziemlich verschlafene) Heimat- und Geschichtsverein einmal überlegen. Ein Kirchenraum, und noch dazu ein einzigartiger wie der in Hildesheim, verdient ein schönes Instrument. Denn noch ist Sankt Michaelis eine Gemeindekirche – und kein Museum. Hubertus Breuer