Dunkelheit, Gerangel, plötzlich löst sich ein Schuß. Was ist passiert am Donnerstag vergangener Woche, nachts um zwanzig vor zwölf? Sicher ist bislang nur eines: Der jugendliche Kurde Halim Dener starb am 1. Juli in Hannover durch eine Kugel aus der Dienstwaffe eines Polizeibeamten. Und sicher ist, daß ihm ein Delikt zum Verhängnis wurde, auf das normalerweise Geldstrafe steht: Er klebte gemeinsam mit zwei, drei anderen Jugendlichen Plakate der PKKnahen – und deshalb verbotenen – „Nationalen Befreiungsorganisation Kurdistan“.

Fahrlässige oder gar vorsätzliche Tötung? Oder ein tragischer Unfall? Nach Auskunft des 28jährigen Polizeiobermeisters, gegen den die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt, löste sich der Schuß „unbeabsichtigt“. Doch an seiner Darstellung wachsen Zweifel. Der Beamte gab zu Protokoll, den jungen Kurden gestellt zu haben, nachdem dieser, um einer Überprüfung zu entgehen, weggerannt sei. Es folgte eine Rangelei, woraufhin beide zu Boden fielen. „In dieser Situation“, heißt es in dem Bericht der Polizeidirektion Hannover, „bemerkte der Beamte einen rechts in Kopfnähe des festzunehmenden Mannes liegenden Revolver. Bei dem Versuch, das eigene Waffenholster zu überprüfen, lockerte er kurzfristig den Festhaltegriff. Der junge Mann nutzte dies, um erneut zu fliehen. Der Polizeiobermeister hatte zwischenzeitlich die Waffe als die eigene identifiziert und in die Hand genommen. Beim Versuch, aus der knieenden Haltung aufzustehen, strauchelte/stolperte er, in diesem Moment löste sich unbeabsichtigt der Schuß.“

Soweit die Version des Schützen. Doch Zeugenaussagen und Gutachten setzen ein Fragezeichen. Dem Bremer Anwalt Eberhard Schulz, der im Namen der Eltern des Opfers als Nebenkläger auftreten will, liegen Zeugenaussagen vor, nach denen der Polizist seine Waffe gezogen und auf Dener gerichtet haben soll. Schulz geht von einem „gezielten Schuß“ aus – „nicht um zu töten, aber um Dener fluchtunfähig zu machen“. Zweifel werden auch von Expertenseite laut. Wilfried Holzinger von der Arbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten spricht von „vielen Fakten, die der offiziellen Sachverhaltsschilderung widersprechen“. Sie lassen sich so zusammenfassen:

  • Einen Revolver aus einem „Klemmholster“ zu verlieren, ist nahezu ausgeschlossen. Wäre ein solcher Fall einmal bekanntgeworden, hätte die Polizei diese Holster für den Dienst abgeschafft.
  • Wenn ein Polizist eine Waffe in der Hand hält, die er nicht benutzen will, richtet er die Mündung nach unten – auch wenn er stolpert. Gerade der betroffene Beamte, der dem besonders geschulten „Spezial-Einsatzkommando“ angehört, dürfte diese Standardregel beherrschen.
  • Ein nicht entsicherter Revolver ist nur mit Kraft zu bedienen. Eine versehentliche Schußauslösung wäre nur dann wahrscheinlich, wenn der Beamte den Plakatkleber mit entsicherter Waffe verfolgt hätte. Dies wäre gewiß unverhältnismäßig.

Zusätzliche Verwirrung stiftet ein Schnellgutachten des niedersächsischen Landeskriminalamts. Die Experten entdeckten „Schmauchspuren“ in der linken Handfläche des Opfers und schätzen die Schußdistanz auf zehn Zentimeter. Das spricht zwar für die „Gerangel“-Darstellung des Beamten – aber gegen seine Aussage (und die mancher Zeugen), er habe Dener aus zwei bis vier Meter Entfernung getroffen. Das Chaos ist komplett, seit die tödliche Kugel wiedergefunden wurde: in einer Boutique nahe dem Tatort. Wie sie dahin gekommen ist, kann sich niemand erklären.

Ein Jahr nach dem rätselhaften Tod von Wolfgang Grams richten sich die Blicke erneut auf die schnellen Finger deutscher Ordnungskräfte.

Jochen Buchsteiner