Von Hans Harald Bräutigam

Edgar Allen Poes Helden befällt immer wieder der Alptraum, lebendig begraben zu werden. Gruselfilme späterer Zeiten zogen aus dieser Obsession ihre Bilder, und dem Zuschauer läuft es kalt den Rücken herab.

Was dem Meister des Grauens der Scheintod war, ist manchem heute der Hirntod. Spätestens seit auf der Intensivstation des Erlanger Klinikums die Gebärmutter einer jungen hirntoten Frau als Brutkasten für eine Schwangerschaft verwendet wurde, setzte unter Ethikern und Theologen, aber auch in der Öffentlichkeit, die Diskussion darüber ein, ob mit dem vorschriftsmäßig von zwei Ärzten festgestellten Hirntod auch das Leben der werdenden Mutter beendet war.

Rasch wirkte sich dieser Streit um ein Ausnahmephänomen auf die allgemeine Bereitschaft zur Organspende aus. Die Warteschlange der Kranken, die nur mit gespendeten Lebern, Herzen oder Nieren eine Überlebenschance haben, wurde seit dem Erlanger Fall noch länger. In Deutschland werden inzwischen weit weniger Organe gespendet als in unseren Nachbarländern, und die Tendenz ist weiter sinkend.

Hingegen wächst das Mißtrauen in die erstmalig 1968 von der amerikanischen Harvarduniversität festgelegte, später von den deutschen Ärztekammern übernommene Definition des Hirntodes. Kürzlich fragten die Teilnehmer einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll, ob das Kriterium der Null-Linie in der Hirnstromkurve eines Elektroenzephalogramms (EEG) und die im Röntgenbild nachweisbare Aufhebung der Durchblutung des gesamten Gehirns wirklich noch zuverlässige Beweise für den eingetretenen Tod seien. Die jahrhundertealte Diskussion um den Scheintod lebt damit wieder auf. Sie ist sinnlos, denn der Hirntod geht dem Tod der anderen Organe in der Regel nur wenige Minuten voraus.

Die künstliche Beatmung ist die erste ärztliche Maßnahme, die am Unfallort getroffen wird. Sie geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem die Rettungssanitäter das tatsächliche Ausmaß der zum Tode führenden Hirnzerstörung noch nicht feststellen können. Es ist daher irrig anzunehmen, daß die Beatmung nur im Hinblick auf eine mögliche Organspende erfolge. Das Gehirn steuert die Organe, doch sein Absterben behindert deren biologische Reaktion nicht unbedingt.

So stellt das Herz des Hirntoten seine Pumpenfunktion nur dann nach wenigen Minuten ein, wenn der Verstorbene nicht künstlich beatmet wird. Erst wenn nicht nur dem Herzen, sondern auch anderen gleichsam automatisch arbeitenden Organen wie Lunge, Leber oder Nieren sauerstoffgesättigtes Blut fehlt, dann gehen die noch intakten Organe des Toten zugrunde. Seine in den Chromosomen gespeicherte Erbmasse bleibt jedoch selbst im Sarg bis zu fünf Tage lang intakt.