Von Martin Merz

Dresden

Nein, sein Motto „Unterwegs zur deutschen Einheit“ hat der 92. Katholikentag in Dresden nicht eingelöst. Zu verworren waren seine Antworten.

Der scheidende Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte empfohlen: „In Deutschland geht es darum, sich nicht gegenseitig zu belehren und anzupredigen, sondern einander zuzuhören.“ Für den Veranstalter, das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK), hätte dies bedeuten müssen, einen offenen Prozeß einzuleiten, fünf Tage lang intensive Gespräche in kleinen Gruppen zu ermöglichen.

Das hat auf ostdeutschen Kirchentagen, die ohne Massenveranstaltungen mit politischer Prominenz stattfinden mußten, funktioniert und politische, subversive Wirkung gehabt.

Statt dessen wurde das westdeutsche Katholikentagsmodell nach Dresden verfrachtet. In über tausend Veranstaltungen wurde bei den Katholiken, wie im Fernsehen, über alles geredet: Themen wie „Von Menschenwürde und Lebensrecht“, „Ikebana-Meditation“, „Bosnische Stunde“ konkurrierten mit der therapeutischen Tanzveranstaltung „Küß dein Dornröschen wach“. Das hieß dann „Vielfalt“; „Dialog“ nannte sich das Aufsagen von Statements in inszenierten Talk-Shows.

Lange hat das Fernsehen die Kirchen kopiert – sonnabendliches Zelebrieren in Showkathedralen mit den Hohepriestern der Unterhaltung, öffentliche Beichte in „Verzeih mir“ – nun geht es umgekehrt. In Dresden moderierten die Fernsehgrößen. Im Unterhaltungsprogramm wirbelte eine skateboardfahrende Nonne. Die Kirche parodierte sich selbst. Das Publikum klatschte, das darf es immer.