Über die Rolle der deutschen Wehrmacht bei der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg ist in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt in dieser Zeitung, heftig gestritten worden. Dieser Streit wird vermutlich noch an Schärfe zunehmen, je näher der 50. Jahrestag des Kriegsendes rückt. Eine neue Runde der Auseinandersetzung läutet nun die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mittelweg 36 in ihrer jüngsten Ausgabe ein (3. Jahrgang Juni/Juli 1994; 96 S., 18,– DM; Vertrieb: Extra Verlag GmbH, Langgasse 24, 65183 Wiesbaden): Nicht mehr nur über die partielle „Verstrickung“ der Wehrmacht in die Verbrechen der Einsatzgruppen solle künftig gesprochen werden, was vielmehr zur Debatte stehe, seien Rolle und Funktion der Wehrmacht als integraler Bestandteil des Vernichtungsapparates selbst. In einem Aufsatz von Hannes Heer, „Killing Fields. Die Wehrmacht und der Holocaust“, werden die Wehrmachtverbrechen in Weißrußland untersucht. Heers Resümee:

„1. Die Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust erfolgte auf allen Ebenen der militärischen Befehlsgewalt – von den Befehlshabern des Rückwärtigen Heeresgebietes’ bzw. des zivilverwalteten ‚Ostlandes‘ bis zu den Truppenführern. Fälle von Widerstand oder Befehlsverweigerung hat es nicht gegeben.

2. Die ,Erfassung‘ und Ghettoisierung der Juden war planmäßig vorbereitet. Sie erfolgte – wie die späteren Maßnahmen der physischen Vernichtung – in zeitlicher Abstimmung zu den Etappen der ‚Endlösung‘ und in konkreter Absprache mit den übrigen Organen der Besatzung.

3. Das Vernichtungsprogramm der Wehrmacht war in Zielsetzung und Begründung rassistisch. Wie die Gleichsetzung von Jude und Partisan zeigt, standen militärische Überlegungen nicht in Konkurrenz zum Rassismus, sondern waren sein inhärenter Teil.

4. Die Mentalität der Wehrmachtführung entsprach dem Bewußtsein der Truppe. Das persönliche Engagement bei der ‚Judenjagd‘ – sei es in freiwilliger Kooperation mit den Einsatzgruppen oder als wehrmachteigene Aktion – verrät ein spontanes Einverständnis mit dem Judenmord.“

Heers Aufsatz ist eine Vorstudie zu einem Buch über die deutsche Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, das im kommenden Jahr erscheinen soll. Außerdem bereitet das Hamburger Institut für Sozialforschung eine Ausstellung über „Wehrmacht und NS-Verbrechen“ vor, die im März eröffnet und bis zum 8. Mai 1995 gezeigt wird. Zur Disposition steht eines der größten Tabus deutscher Zeitgeschichtsschreibung. V. U.