Von Georg Blume

Tokio

Wer mit dem Schiff von Hiroshima über die Inlandssee zur Südinsel Kyushu übersetzt, ist auf dem besten Weg, das alte Japan wiederzuentdecken. Hinter sich läßt der Reisende die geschäftskühle Welt der nach dem Krieg in beklemmender Sterilität wiederaufgebauten Atombombenstadt, vor ihm aber liegt die in vulkanische Rauch- und Dunstwolken eingehüllte Küste von Oita. Vor einer bezaubernd zerklüfteten Berglandschaft ergießt sich der Onogawa-Fluß in ein breites, mit winzigen Reisterrassen übersätes Delta. Der neue japanische Premierminister Tomiichi Murayama ist hier aufgewachsen, inmitten einer heilen Landschaft, in einem der verstecktesten Winkel des Inselreichs. Er kommt aus dem Japan, das sich der Westen stets in den schönsten Farben ausmalte: unzugänglich, anziehend, exotisch.

Vergangene Woche ist mit Tomiichi Murayama das alte Japan in Tokio an die Macht zurückgekehrt – sehr zum Leidwesen des Westens. Von nun ab werden die protektionistischen Interessen der Bauern und Fischer von Oita in der japanischen Hauptstadt wieder größeres Gehör finden. Japan wird bei den internationalen Handelsgesprächen wieder ein schwieriger Partner sein. Die vom Westen geforderte Marktöffnung wird weiter auf sich warten lassen. Der amerikanische Außenminister Warren Christopher verlieh seinem Entsetzen über die politische Entwicklung in Japan bei einer Kongreßanhörung bereits offen Ausdruck.

Auf den weltläufigen Premier Tsutomu Hata folgte nun wieder ein Premierminister traditionellen Stils. Zurückhaltung bis zur Selbstverleugnung, Kompromißbereitschaft ohne Grenzen – in Japan zeichnet das den siebzig Jahre alten Sozialdemokraten Murayama als ausdauernden und erfahrenen Politiker aus. Dem Ausland hingegen wird seine Politik schwer verständlich erscheinen.

Ein politisches Wunder machte den Regierungswechsel unter Murayama erst möglich: Nach vier Jahrzehnten gnadenlosen Streits um Kaiser, Verfassung und Armee schlossen die Sozialdemokratische Partei Japans (SDPJ) und die Liberaldemokratische Partei (LDP) am vergangenen Mittwoch einen überraschenden Koalitionsfrieden. Sie erklärten damit den Kalten Krieg in der japanischen Politik für beendet und wählten mit ihrer Mehrheit im Parlament aus der Opposition heraus den SDPJ-Vorsitzenden Murayama zum neuen Regierungschef. Nach einem Jahr neoliberaler Reformpolitik, die zuletzt nur noch von einer Minderheitsregierung unter Tsutomu Hata getragen wurde, schlug in Japan erneut die Stunde der Altparteien.

"Er sieht aus wie ein japanischer Abraham Lincoln und kommt wie der berühmte US-Präsident aus einer verarmten Familie", stellte die Tageszeitung Asahi den neuen Ministerpräsidenten vor. Tatsächlich entstammt Murayama einer bitterarmen Fischersfamilie mit elf Geschwistern. Als Fabrikarbeiter verdiente er unmittelbar nach dem Krieg das Geld für sein Abendstudium in Tokio. Ehefrau Yoshie opferte sich anschließend für die politischen Tätigkeiten ihres Mannes auf, indem sie 24 Jahre lang die Kantine des Präfekturparlaments in Oita leitete und damit das meiste Geld für die Familie heranschaffte.