"Halten Sie doch mal für 20 Minuten mein Fahrrad, bitte"

Nein, es sind nicht Außerirdische, die uns manipulieren, auch nicht die Freimaurer oder andere Weltverschwörer. Es sind die Sozialpsychologen.

Von Zeit zu Zeit nämlich verwandeln sie unseren Alltag in ein geheimes Laboratorium für ihre Experimente.

Der Normalmensch tappt ahnungslos darin umher, ein Versuchskaninchen, preisgegeben dem sezierenden Forscherblick. Im polnischen Oppeln beispielsweise, einem ehrwürdigen Bischofssitz in Oberschlesien, wähnten sich 320 brave Fußgänger in ihrer gewohnten Umgebung – und waren doch nur Bestandteile einer ausgeklügelten Versuchsanordnung.

Sie waren einem sozialwissenschaftlichen Team ins Netz geraten. Je vierzig von ihnen wurden in eine der nachfolgenden acht "Ereignissequenzen" eingepaßt:

Ereignis Nr. 1: Ein junger Mann bittet einen Passanten, ihn vor einem Denkmal zu photographieren. 200 Meter weiter fragt eine Dame denselben Probanden, ob er für zwanzig Minuten auf ihr Fahrrad aufpassen könne, während sie eine wichtige Angelegenheit im Amt erledigt. Ereignis Nr. 2: Ein Passant wird von einer Dame gebeten, ihr eine schwere Reisetasche in den zweiten Stock eines nahen Hauses zu tragen; nach 200 Metern wiederum: die Fahrradbitte. Variante Nr. 3: Erst Photo, dann Tasche, dann Fahrrad. Nr. 4: Ein Passant wird von einer Frau gebeten, eine Wohnung im dritten Stock aufzusuchen: Dort habe ihr Freund ein Rendezvous mit einer anderen – "Sagen Sie ihm, wenn er nicht sofort herunterkommt, will ich ihn niemals wiedersehen." 200 Meter weiter sodann: Fahrrad. Ereignissequenz Nr. 5: Erst Fahrrad, dann: "Oh, Sie sind genausogroß wie mein Verlobter, können Sie bitte mal im Geschäft dort drüben einen Pulli anprobieren, den ich für ihn kaufen möchte?" Nr. 6: Rendezvous, Pullover, Fahrrad. Schließlich die Nrn. 7 und 8: Zweimal das Spiel mit dem Rad.

All das trug sich binnen weniger Tage zu. Nur drei Oppelner mußten später "aus der Analyse der Daten ausgeschlossen werden, weil sie öffentlich Mißtrauen über die Realität der Situation äußerten", wie der Abschlußbericht in der Zeitschrift für Sozialpsychologie (1993, S. 264-272) feststellt. Ach, hätte man das doch miterlebt!