LÜCHOW-DANNENBERG. – Tag X – das Plakat auf dem Verkehrsschild an der Straßenkreuzung schreit das Datum gelb auf schwarz heraus. Von diesem Tag an übernimmt Gorleben seine seit fünfzehn Jahren vorgesehene Rolle als Entsorgungszentrum für hochradioaktive Abfälle. Es ist der Tag, an dem zum ersten Mal ein Castorbehälter mit abgebrannten nuklearen Brennelementen für das Zwischenlager angeliefert wird.

Seit der Ankündigung des Transports kleben die Plakate an Straßenschildern und Hauswänden, an Bushaltestellen und Reklametafeln. Tag X – das wird in der nächsten Woche sein. Der "Castor", Typ II a, 116 Tonnen schwer, zugelassen als Transport- und Lagerbehälter für nukleare Brennelemente aus Druckwasserreaktoren, brachte Leben in die ermüdeten Reihen der Gorlebengegner. Selbst Aktivisten der Bürgerinitiative waren überrascht, als sich die aus fünfzehn Jahren Konflikt um die Atomanlagen bekannte ortsübliche Mischung zeigte: Bauern und Bürgermeister kündigten öffentlich ihre Teilnahme an Blockaden an. Eine Rentnerinitiative versprach, in der ersten Reihe zu stehen. Künstler und Publizisten ließen sich aus ihren Katen hinterm Elbdeich vernehmen. Ärzte wollen ihre Praxen dichtmachen und auf die Straße gehen.

Sie folgen damit dem Aufruf der Bürgerinitiative, die ein schon fünf Jahre altes Konzept aus der Schublade holte. Wir stellen uns quer, versprechen sie seither täglich in großformatigen Anzeigen in der örtlichen Zeitung. Anonym blieben dagegen die Täter, die nächtens die Fenster der Zwischenlagerfirma BLG einschmissen oder die Bahnschwellen auf der Strecke Uelzen-Dannenberg zersägten.

Zehn Jahre lang stand die Castorhalle im Zwischenlager fertig und betriebsbereit, aber leer. Zuerst waren es Gerichtsentscheidungen, die eine Einlagerung verhinderten. Dann änderte sich der Stand der Technik, schließlich das Entsorgungskonzept der Bundesregierung. Bisher wurden nur Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen nach Gorleben gebracht Jetzt soll es, im sechsten Anlauf, soweit sein: Der erste Castor kommt.

In den Aktivitäten der Gegner sieht Carsten-Uwe Heye, der Sprecher von Ministerpräsident Gerhard Schröder, "Reste der Anti-AKW-Bewegung" am Werk. Diese Reste sind der Regierung unangenehm. Sie ist offiziell gegen den Transport und gegen die Atomanlagen in Gorleben. Umweltministerin Monika Griefahn ließ mitteilen, sie werde selbst am Tage X präsent sein.

Präsenz wird allerdings auch die Polizei zeigen. Sie muß für das Durchkommen des Castors sorgen, handgreiflich, wenn nötig. Die Regierung ist deshalb um Deeskalation bemüht. Die Polizeiaktionen sollen von neutralen Beobachtern begleitet werden. Die aufmüpfigen Gemeinderäte und Bürgermeister ihrer eigenen Partei lud Ministerin Griefahn bereits zu sich in die Festung Dömitz, außerhalb Lüchow-Dannenbergs in Mecklenburg-Vorpommern gelegen.

Der Tag X ist die Premiere des neuen Entsorgungskonzepts. Der Castor wird das Zwischenlager nur für den direkten Weg in ein unterirdisches Endlager wieder verlassen. Das aber könnte lange dauern, fürchten die Gegner, denn ein solches Lager gibt es noch nicht. Karl-Friedrich Kassel