Von Ulrich Schnabel

Neil Calder macht ein ziemlich bedrücktes Gesicht. Der Pressesprecher des Cern, des Europäischen Laboratoriums für Teilchenphysik in Genf, würde dem Besucher gerne eine Erfolgsmeldung überbringen. Doch das einzige, worüber er berichten kann, sind politische Querelen: Ausgerechnet die Deutschen blockieren den geplanten Start der energiereichsten Beschleunigeranlage der Welt, des sogenannten Large Hadron Collider (LHC) am Cern. Dieser „große Hadronenaufpraller“ steht nicht nur für die gesammelten Hoffnungen der Teilchenphysiker. Nach dem Ende der amerikanischen Superschleuder SSC gilt er auch als Testfall dafür, wie in Zukunft eine weltweite Kooperation bei wissenschaftlichen Großprojekten aussehen könnte. Doch bislang macht das LHC-Projekt hauptsächlich durch heftige Geburtswehen von sich reden.

Dabei sind sich eigentlich alle einig, daß der Cern-Beschleuniger gebaut werden soll. Nachdem der amerikanische Kongreß im vergangenen Jahr beschlossen hatte, den Bau des 87 Kilometer langen Superconducting Super Collider (SSC) einzustellen, wäre der wesentlich kleinere LHC die einzige Maschine der Welt, die neue Energiebereiche für die Hochenergiephysik erschließen kann. Die Anlage soll in Genf in einem bereits vorhandenen 27 Kilometer langen Ringtunnel entstehen und im Gegensatz zu den elf Milliarden Dollar, die der SSC verschlungen hätte, bescheidene 1,8 Milliarden Dollar kosten.

Dennoch wird die endgültige Entscheidung über das europäische Projekt immer wieder verschoben. In den euphorischen Anfangsplanungen des LHC hatten die Genfer Teilchenjäger noch mit einem Start im Jahre 1992 gerechnet. Schließlich wurde als Entscheidungstermin der April dieses Jahres genannt. Und dann sollte es Ende Juni endgültig soweit sein. Aber auch auf dieser Sitzung erreichten die Delegierten der neunzehn Cern-Mitgliedsstaaten keine Einigung: Gegen die Stimmen aller anderen legten Deutsche und Briten ihr Veto ein und stehen jetzt als Buhmänner da. Bis zum 30. September will man sich nun definitiv geeinigt haben, mit gutem Willen vielleicht auch schon im Juli. Doch bis dahin sind möglicherweise anderswo schon wichtige Entscheidungen gefallen, die erhebliche Konsequenzen für den LHC haben dürften.

Gestritten wird, wie nicht anders zu erwarten, vor allem um Geld. Dem Cern fehlen zum Bau der Hadronenschleuder 500 Millionen Schweizer Franken, und Generaldirektor Lewellyn-Smith sieht sich außerstande, diese aus dem laufenden Budget aufzubringen. Daher hatten sich die Forschungspolitiker darauf geeinigt, daß Frankreich und die Schweiz als Gastgeberländer des Cern einen Extrabeitrag von zusammen rund 250 Millionen Franken aufbringen sollten. Denn diese Länder haben schließlich den größten wirtschaftlichen Nutzen von einem neuen Großprojekt im französisch-schweizerischen Genf. Die Eidgenossen und Frankreich haben dieser Regelung zwar im Prinzip zugestimmt, doch auf eine konkrete Summe wollten sich die Franzosen auf der Juni-Sitzung nicht festlegen. Da blieben die Bonner Abgeordneten hart: Aus Angst vor möglicherweise unkalkulierbaren Kosten verweigerten sie ihre Zustimmung für den LHC.

Ärgerlich ist das innereuropäische Gezänk vor allem deshalb, weil man momentan gute Chancen hätte, die fehlenden Finanzmittel von anderen Partnern einzutreiben. Denn bereits heute arbeiten an der internationalen Vorzeigeinstitution viele japanische und mehrere hundert amerikanische Wissenschaftler. Und nach dem Ende des geplanten gigantischen SSC-Beschleunigers besteht ein um so stärkeres Interesse, am Cern mitzuforschen. Ein Komitee von US-Teilchenforschern unter Vorsitz des Physikers Sidney Drell unterbreitete etwa dem amerikanischen Senat kürzlich einen detaillierten Vorschlag, wie die Zusammenarbeit mit den Europäern aussehen könnte. Und erste Reaktionen deuten darauf hin, daß man diesem Ansinnen durchaus nicht ablehnend gegenübersteht – Voraussetzung ist allerdings, daß die Europäer sich selbst geeinigt haben.

Momentan sieht also alles nach einer klassischen Patt-Situation aus: kein europäischer Beschluß über den LHC ohne Geld und kein amerikanisches Geld ohne eine Einigung in Genf. Ende Juli sollen in Amerika die Budgetdiskussionen beginnen. Sollte der Kongreß dem Physikerplan zustimmen, wäre dies ein echter Durchbruch, meint Horst Wenninger, der technische Forschungsdirektor des Cern: Zum ersten Mal würden US-Dollars einer europäischen Forschungseinrichtung zufließen. „Wenn es hier nicht klappt, dann nirgends“, bangt Wenninger.