Die großindustriellen Archive bilden seit langem eine unerläßliche Grundlage der historischen Forschung, ob es sich um das Archiv der Friedrich Krupp A.G., das Siemens-Archiv, das Archiv von Bayer-Leverkusen oder dasjenige der Deutschen Bank handelt, um die größten von ihnen zu nennen. Es liegt im wohlverstandenen Interesse der Industrie, daß ihr Handeln dem künftigen Historiker nicht nur aus der Perspektive der staatlichen Behörden oder ihrer gewerkschaftlichen Kontrahenten erkennbar wird. Darüber hinaus impliziert industrielles Handeln häufig grundlegende volkswirtschaftliche Entscheidungen. Ihre Quellen müssen gesichert und zugänglich bleiben.

Die wissenschaftliche Fachwelt hat deshalb mit einer gewissen Beunruhigung zur Kenntnis genommen, daß die Franz Haniel & Cie in Duisburg-Ruhrort ihr Archiv auflöst. Mit Ausnahme der Photosammlung wird es dem Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv übergeben. Das einstige Historische Archiv der Gutehoffnungshütte (GHH) geht auf eine Initiative Paul Reuschs von 1937 zurück und gilt als wichtigstes deutsches Industriearchiv für die Erforschung der Zwischenkriegszeit. 1985 war es von der Franz Haniel & Cie mit dem Versprechen übernommen worden, es langfristig weiterzuführen.

Sollte das Beispiel Haniels Schule machen, würde es nicht nur zur Überforderung der öffentlichen Archive führen, sondern auch die ohnehin beklagenswerte Tendenz in den Betrieben unterstützen, die Aktenführung und -sicherung nur im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften vorzunehmen und die langfristige Dokumentation der Tätigkeit des Unternehmens durch die Aufbewahrung vor allem der zentralen Firmenakten zu gewährleisten.

Der Entscheidung der Haniel & Cie, das ehemalige Archiv der GHH wegzugeben, ging ein Wechsel im Vorstand voraus. Der scheidende Vorstandsvorsitzende Hans Georg Willers, inzwischen der Vorsitzende der IHK Duisburg, hatte sich nachdrücklich für die Traditionspflege des Unternehmens und die Fortführung des Archivs eingesetzt. Dem früheren Archivleiter, Dr. Appelbaum, wurde zum 1. April 1994 fristgerecht gekündigt. Die Bestände des vormaligen GHH-Archivs gehen mit Ausnahme eines kleinen Bestandes, der die Geschichte der Familie Haniel betrifft, im August dieses Jahres an das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv in Köln. Aus den Resten soll ein der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zugeordnetes neues Haniel-Archiv gebildet werden.

Die Motive, die zu dem Entschluß der Firma Haniel & Cie geführt haben, dürften nicht zuletzt darin liegen, daß das Unternehmen mit diesem Schritt deutlich machen will, daß es seine Verbindung zum Montanbereich gelöst hat. Gleichwohl ist in der Öffentlichkeit bedauernd zum Ausdruck gebracht worden, daß damit, wie der Vorsitzende der Gesellschaft für Industriekultur in Duisburg, Wolfgang Ebert, betonte, ein Teil des „historischen Gedächtnisses“ des Ruhrgebiets aus der Region abgezogen wird.

Das Argument vom „Verlust für das Revier“ ist freilich nicht unbedingt stichhaltig, denn im Kölner Wirtschaftsarchiv ist das Material der ehemaligen GHH vorzüglich aufgehoben und archivalisch betreut. Schließlich ist das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv 1906 von den Handelskammern der preußischen Westprovinzen und der Stadt Köln mit der Maßgabe begründet worden, Rettungsstation für Schriftgut zu sein, das in den Unternehmen von Vernichtung bedroht ist. Doch eine systematische Übernahme industrieller Akten würde diese Einrichtung ebenso wie das Kölner Wirtschaftsarchiv in Dortmund schlechthin überfordern. Heute ist das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv in großem Umfange damit befaßt, Unternehmen beim Aufbau eigener Unternehmensarchive zu beraten. Bei der Schließung der GHH Oberhausen hatte dessen Leiterin, Frau Professor van Eyll, bewußt der Verlagerung des Archivs in das Haniel-Archiv den Vorzug vor der Übernahme in die Kölner Bestände gegeben. Diesmal ist ihr diese Überzeugungsarbeit gegenüber der Haniel & Cie leider nicht gelungen.

Anfängliche Befürchtungen, die Übergabe der wertvollen Materialien, darunter der Reusch-Nachlaß, könnte an einschränkende Benutzungsauflagen geknüpft sein, haben sich nicht bestätigt. Insofern sind Sicherung und Zugänglichkeit der wertvollen industriegeschichtlichen Akten auch künftig gewährleistet, wenngleich bedauerlich ist, daß die in Duisburg eingeleiteten vorbildlichen Maßnahmen zur Restaurierung der historischen Materialien dort nicht zu Ende geführt werden.