Als der Abend fortgeschritten war und die zweite Flasche Stierblut geleert, da wurde Boddi Bodag feierlich. Er schritt zum Plattenschrank und enttütete ein Heiligtum: "How I Spent My Vacation" von Mitch Ryder. Ain’t nobody white can sing the Blues, gurgelte die blaue Stimme aus Detroit, und Bodag, DDR-Blues-Urgestein, näherte sich den Tränen. Erst kurz zuvor, am 18. Januar 1988, war das Unfaßliche geschehen: Mitch Ryder hatte in Ost-Berlin gespielt, im Palast der Republik. Allein schon wegen des damals mitgeschnittenen Live-Albums "White Mink Red Blood" stellt jedes reine Rockerherz den Palast unter Denkmalschutz.

Unvergeßlich auch das Pressegespräch nach dem Konzert. Ryder beäugte durch die Sonnenbrille, was ihm der FDJ-Veranstalter da zugeführt hatte an Medienvertretern, und fragte honigsüß: Ist es denn wirklich wahr, was ich bis nach Amerika höre? In diesem schönen Land gibt’s keine Arbeitslosigkeit? – Eilfertig nickten Neues Deutschland und die Junge Welt. Er wisse noch mehr, fuhr Ryder fort: Alle progressiven Manschen in East Germany seien Mitglied der Kommunistischen Partei. Ihr auch? Zwei Finger wagten sich hoch. Ryder grinste inzestuös und sagte: Ihr seid doch noch Kinder. Geht ins Bett!

Neun Jahre zuvor hatte Mitch, bürgerlich William Levise, im ARD-"Rockpalast" einen Comeback-Auftritt hingelegt, der ihm wohl bis ans Ende seiner Tage eine deutsche Fangemeinde hält. Bei Line records in Hamburg erscheinen seither auch seine Platten. In Amerika ist Ryder eine gestrige Größe, in Sixties-Rock-Annalen registriert für "Jenny Take A Ride" und "Devil With A Blue Dress On", aber done, seit er abhob nach Las Vegas und in Casinos glamourös beklebte Schnulzen sang. Er ging hochverschuldet baden. Danach jobbte er an den Fließbändern von Motor City Detroit: his vacation.

Wolfram Bodag, Jahrgang 1950, hat das Leben derlei Katastrophen vorenthalten. Er kam aus Falkenberg, endigte in Ost-Berlin und wurde heiß geliebt von jenen DDR-Rockfans, die ihren Ost-Frust statt in Aggression in Melancholie investierten. Was ihm fehlte und was Ryder überreichlich hat, ist, fußballerisch gesprochen, der direkte Zug zum Tor. Sie mußten sich finden. Ryder hat seine neue Platte mit Bodags Bluesband Engerling eingespielt, zuzüglich seines eigenen Gitarristen Joe Gute. Heraus kam ein famoses Exemplar zeitlosen Rock ’n’ Rolls. Ryder wird nicht mehr modern, sondern 48.

Es gibt Leute, die halten Milch Ryder für die feinste weiße Stimme des Rock ’n’ Roll. Kühl tremolierte Hysterie macht ihn zum nächtlichen Aberbild seines Generationsgenossen Roger McGuinn von den Byrds. Ein lauerndes Vibrato zieht durch die Sümpfe seiner Songs. Und doch ist jetzt was neu. Wolfram Bodag, der gute Mensch vom Prenzlauer Berg, beorgelt Ryders Düsternisse sparsam mit Morgenlicht. Ex oriente lux – wie im Leben, so in der Musik. Selbst Ryders Muttermörderstimme vermerkt gerührt diese Soli-Spenden nachsozialistischer Humanität. Wir aber feiern "Rite Of Passage" als das erste wahre Ost-West-Kunstwerk nach dem Fall der Mauer.

  • Mitch Ryder "Rite Of Passage"

LICD 9.01285