Mir tun die jungen Kollegen leid, die talentiert sind, Geschichten erzählen wollen, Spaß am Formulieren haben – und dann sehen müssen, daß für diese Talente immer weniger Nachfrage besteht. Mir tun sie leid, wenn sie in Blättern arbeiten müssen, wo man ihnen als erstes die wichtigsten Verhaltensmaßregeln wie folgt erklärt: Nicht mehr als hundert Zeilen à 30 Anschläge! Und keine Nebensätze. Und keine zu schwierigen Wörter. Und keine Themen, die nicht jeder versteht ... Vielleicht riskieren wir, wenn wir wissen wollen, was auf uns zukommen könnte, einen Blick auf die Kollegen vom elektronischen Medium. Dort kann man am besten sehen, was passiert, wenn das Geldverdienen, genauer: die Einschaltquoten, mit denen dann das Geld verdient wird, das einzige Kriterium ist für Journalismus. Wer zufällig am 9. Juni das RTL-Nachtjournal gesehen hat, wer sich ansehen mußte, wie da ein sogenannter Chefreporter einer von Krämpfen geschüttelten Mutter, der man das Kind umgebracht hatte, mit obszönen Fragen zu Leibe rückte, zum Beispiel mit der, ob sie eigentich nicht daran denke, die – geistig gestörte – Mörderin ihres toten Kindes ihrerseits zu ermorden, wer gesehen hat, wie so etwas gesendet wird unter der Oberhoheit eines silberhaarigen Journalisten, der sich aber sonst sehr viel auf seine Seriosität zugute hält, der könnte schon in die Gefahr geraten, zu verzweifeln.

Herbert Riehl-Heyse bei der Verleihung des Publizistikpreises der Stadt München („Süddeutsche Zeitung“, 2. Juli 1994)

Märkisch bunt

Bunt – nicht gerade das Wort, das einem rasch einfällt, wenn man an die Mark Brandenburg denkt. Die Farben der kargen Landschaft rund um Berlin beschwört der im Dörfchen Werder bei Rehfelde geborene, im Dorf Kagel, Kreis Strausberg, aufgewachsene Schriftsteller Moritz Heimann (1868-1925), wenn er sich erinnert: „Aufgewachsen in der Mark, wo sie am märkischsten ist, zwischen Sand, See und Kiefern.“ Und doch gibt es, schon im dritten Jahr, die von der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte in Frankfurt an der Oder herausgegebenen „Buntbücher“, die uns das alte Land, das Fontane sich erwandert hat, aufs schönste nahebringen: nicht mehr als sechzehn Seiten, Text und Bilder, Pläne, Zeichnungen, Landkarten, Handschriftliches über berühmte Leute, Orte, Plätze, Häuser, Denkmäler. Die neuen Buntbücher, schmale, mit Liebe gemachte Hefte, die in jeden Rucksack, jedes Handschuhfach passen, sind Heimann und seinem geliebten Heide-Dorf Kagel gewidmet; dem in der Emigration gestorbenen Expressionisten Georg Kaiser und Grünheide; Hermann Kasack und Potsdam; Wilhelm Bölsche und Friedrichshagen – und Bettine von Arnims Jahren auf Gut Wiepersdorf, aus dem sie vom ebenfalls schriftstellernden Ehemann solches zu berichten weiß: „Arnim hat die neue Kuh mit unserem Frisierkamm gekämmt und ihr den ganzen ersten Tag Gesellschaft geleistet.“ Für alte Märker sind die „Buntbücher“ oft überraschende Denkmäler in scheinbar vertrauter Umgebung; für alle, die das Land erst jetzt kennenlernen können, gute Wegweiser in eine kulturell und literarisch ganz und gar nicht auf Sand gebaute Landschaft (zum preußisch kargen Preis von ganzen fünf Märkern).

Ist Pop Popel?

Was ist der Unterschied von Musik? Also, fangen wir mal so an: Was muß ein (leitender) Musikredakteur des Saarländischen Rundfunks können? Natürlich: abgeschlossenes Musik- oder Musikwissenschaftsstudium, umfassende Repertoirekenntnis (Barock bis Gegenwart), Kenntnis der aktuellen Musikszene; er soll auch wirtschaften und mit Leuten umgehen können und sich obendrein in „mindestens zwei Fremdsprachen“ auskennen. Weiter zum nächsten Stellenangebot: Was muß „die Musikfrau/der Musikmann“ können, die/den der Südwestfunk sucht? Keinerlei musikalische Fertigkeiten, keine musikwissenschaftlichen Kenntnisse. Musik kommt fast gar nicht vor. Zwar geht es um Musik, aber eigentlich auch wieder nicht, denn von „der Musikfrau/dem Musikmann“ wird nur verlangt, daß er/sie Journalist von Beruf ist und „Erfahrung in Moderation von Musiksendungen im Selbstfahrerstudio“ hat, kurzum: quatschen können muß. Gewiß, auch hier werden „umfassende Repertoirekenntnisse“ verlangt, aber das erledigt ein Rock- und Pop-Fan mit links. Noch etwas? „Belastbarkeit“, klar, und „Kreativität“. So haben uns zwei Anstalten des Öffentlichen Rechts vor Augen geführt, was ihnen die Musik wert ist. Und was nicht. Vielleicht ist „Rock- und Popmusik“ für ein „Millionenpublikum“ ja auch ganz was anderes als Musik.