Alle Photographien, die in Erinnerung bleiben, geben sich in ihren Bildern zu ernennen, in der Art, sie zu finden, sie zu sehen, sie teils geduldig zu inszenieren, sie teils blitzschnell „zu schießen“ – so wie es bei diesem Photo geschah: ein Mannequin, aber nein, ein Kleid des Münchner Modeschöpfers Schulze-Varell. Die Journalistenpflicht hätte sich mit der präzisen Katalogwiedergabe des Gegenstandes begnügen können. Hier aber ist die Kunst hinzugekommen, eine Stimmung zu erzeugen, die dem Kleid, dem Stoff und seinem Fall, seiner besonderen Verarbeitung zwar innewohnt, aber gesehen und dargestellt werden muß. Erst aus alldem setzt sich die Botschaft dieses wunderbaren Bildes zusammen, mit dem wir einen Augenblick lang seinen Photographen feiern wollen: Fritz Peyer, der am 6. Juli 75 Jahre alt geworden ist. Die ZEIT verdankt ihm unendlich viele Photos, nicht zuletzt mit Themen, die ihm besonders liegen; der Sport gehört dazu, vor allem der mit Pferden, das Theater und da mit Vorliebe die Oper. Er war ja nicht zufällig viele, viele Jahre lang der Photograph der Hamburgischen Staatsoper. Unvergeßlich die Aufnahmen aus einem Konzert Marlene Dietrichs; sie hatte das Photographieren verboten: ein Gentleman im Smoking, vor sich in einer Seitenloge die Kamera auf dem Stativ, den Auslöser in der Hand darauf wartend, daß die Pose bedeutsam, der Gesang aber laut genug war, damit niemand das Klicken bemerkte. Das Ziel ist ja der einzige, der „richtige“, den Gegenstand oder das Ereignis charakterisierende Moment. Hinzu kam aber noch etwas anderes: die unnachahmliche Beschaffenheit seiner Abzüge, die das knallharte Schwarzweiß feineren Stimmungen zuliebe vermied und den Kontrastreichtum in „farbigen“ Zwischentönen entfaltete – so wie auf diesem Photo, wo es ihm darauf ankam, über die Information hinaus den Zauber dieser Modeschöpfung darzustellen – und dabei die Poesie des Lichts ins Spiel zu bringen. Natürlich reicht das Repertoire der Peyerschen Themen viel weiter und schloß zum Beispiel auch Graffiti ein, die er geduldig sammelte und eines Tages im Altonaer Museum ausstellte. Wir wissen, daß der Fünfundsiebzigjährige – der im „World Press Photo“-Wettbewerb 1963 den 1. Preis (für das beste Sportbild), 1964 den Preis im die zweitbeste Photo-Story bekam – das Photographieren nicht zu unterlassen vorhat. Glückwunsch! M. S.