Von Michael Thumann

München

Wozu brauchen wir noch Radio Free Europe und Radio Liberty?“ fragen amerikanische Politiker, die wuchernden Staatsschulden im Nacken. Die Zukunft der aus Washington finanzierten Sender schien ungewiß, nachdem ihr Hauptfeind, der Kommunismus, unter dem Mantel der Geschichte erstickt war. Präsident Bill Clinton wollte die bewährte Institution zunächst schließen lassen, doch hat sich nun anders entschieden. Radio Liberty (für die ehemalige Sowjetunion) und Radio Free Europe (für Ostmitteleuropa) sollen weiterleben, aber umziehen: von München nach Prag.

Washington feiert das als mutigen Aufbruch in ein postkommunistisches Land; in Wahrheit jedoch ist die große Geste nur ein Nebenprodukt kleinlichen Kalkulierens. Die Tschechen bieten Obdach im stattlichen Gebäude des ehemaligen Föderationsparlaments am Wenzelsplatz – mietfrei. Das reizt amerikanische Sparkommissare, die dem Sender eine Roßkur verordnet haben. Schöpften Radio Free Europe und Radio Liberty (RFE/RL) bisher aus einem satten Jahresetat von über 340 Millionen Mark, müssen ab Oktober 1995 höchstens 130 Millionen Mark pro Jahr ausreichen. Der in 45 Jahren aufgeblähte Apparat soll schrumpfen. Im Grunde stünde es an, die Bürokratie auszudünnen. Aber die Bürokraten, die diese Fragen entscheiden, wollen auch Journalisten und Techniker loswerden. Mit einem Umzug nach Prag entkommen sie lästigen deutschen Arbeitsschutzgesetzen. Im Land des Ministerpräsidenten und Thatcher-Verehrers Václav Klaus locken niedrige Löhne und geringe Sozialabgaben.

Kein Wunder, daß manche da wehmütig an die Zeiten zurückdenken, in denen Geld keine Rolle spielte. Im Kalten Krieg zählte nur der Erfolg, erinnert sich ein russischer Journalist. Damals, im Jahre zwei der Gorbatschow-Ära, wurde der Moskauer Künstler Alexander Kaganow in eine psychiatrische Klinik verschleppt. Die Milizionäre, die ihn abholten, gaben keine Gründe für seine Zwangseinweisung an; aber Kaganow wußte: Seine Bilder über das Leben in sowjetischen Straflagern irritierten die Staatsmacht. Kaganows Frau schrieb einen Brief an Radio Liberty, den ein Ausländer über den Kurierdienst seiner Botschaft nach Westen schmuggelte. Wenige Tage später forderte Radio Liberty über Kurzwelle in der Sowjetunion, Kaganow sofort zu entlassen. Moskau hatte sich 1975 in Helsinki zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet. Dem öffentlichen Druck verdankte Kaganow seine Freilassung.

So und ähnlich klingen die vielen Erfolgsgeschichten von gestern. Im Wendejahr 1989 war RFE/RL in den sozialistischen Ländern das einzige zuverlässige Medium, oft der meistgehörte Sender, überall eine moralische Institution. Doch seit diesen Triumphen herrscht in der Münchner Zentrale Katerstimmung; man sucht nach neuen Aufgaben. Heute gelte es, erklärt Kevin Klose, Präsident von RFE/RL, den jungen Demokratien in Osteuropa westliche Werte und Denkweisen zu vermitteln.

Inhaltlich konzentriert sich RFE/RL zunehmend auf Krisenregionen: Im vergangenen Jahr wurde ein Jugoslawien-Dienst in serbokroatischer Sprache eingerichtet. Bisher sendet er jedoch weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit, seufzt ein Redakteur, Kurzwelle hören habe im ehemaligen Jugoslawien keine Tradition. Der erfolglose ungarische Dienst wurde eingestellt, und Polen und Tschechien sollen von privaten Lizenznehmern bedient werden. Aber in Rußland und der Ukraine steigen die Einschaltquoten wieder: In der schönen neuen Welt der Soft-Rock- und Soft-Talk-Sender lebt Radio Liberty von seinem seriösen Ruf.