Börsen in Osteuropa: Anlagen in Prag, Warschau und Budapest eignen sich nur für mutige Investoren

Von Lydia M. Westrup

Die jungen Aktienmärkte in Osteuropa haben sich das Börsianerlatein der alten Hasen schnell zu eigen gemacht: Wer höher steigt, als er sollte, fällt tiefer, als er wollte. Zusammen mit den sogenannten Emerging Markets der rasch wachsenden Schwellenländer in Asien und Lateinamerika erlebten die Börsen in Warschau, Prag und Budapest in den vergangenen zwölf Monaten erhebliche Kurssteigerungen. Warschau führte 1993 die Liste der Börsen mit dem höchsten Kursplus an. Selbst wenn man den Wechselkursverfall des polnischen Zloty berücksichtigt, stieg der Index gemessen in Dollar noch um fast 900 Prozent. Der Aufschwung hielt jedoch nur bis Anfang März 1994.

Am 8.3.1994 verzeichnete der WIG (Index der Warschauer Börse) seinen Höchststand: 20 760,3 Punkte. Damit hatte er seit Jahresbeginn noch einmal um mehr als 55 Prozent zugelegt. Es folgte die drastische Kursberichtigung. Im Juni sackte der Index bis unter 7000 Punkte und hatte sich damit sogar gegenüber dem Stand zu Jahresbeginn fast halbiert. Seither bewegt sich das Börsenbarometer wieder steil aufwärts und erreichte zuletzt mehr als 8833 Punkte.

Die Börsen in Budapest und Prag zeigten einen ähnlichen Kursverlauf, wenn auch nicht mit ganz so dramatischen Schwankungen. Auch hier stiegen die Kurse bis Februar und Anfang März, doch die Korrektur fiel gedämpfter aus als in Polen. In Prag erreichte der Index Mitte März einen Stand von 3454 Punkten. Inzwischen ist er auf etwa 2000 Punkte abgesackt und hat damit im Vergleich zu seinem Höchststand über 40 Prozent verloren. In Budapest notierten die Kurse zuletzt gut 10 Prozent über dem Schlußkurs vom Jahresende, haben aber gegenüber der Spitze rund 35 Prozent nachgegeben.

Der Erfolg der osteuropäischen Börsen im vergangenen Jahr hatte mehrere Ursachen. Gewiß profitierte Osteuropa von der Aufschwungstimmung an allen Emerging Markets: 1993 entfielen auf die jungen Märkte, gemessen am Umsatz aller weltweit gehandelten Aktien, 12 Prozent des Handels. Zehn Jahre zuvor waren es nur vier Prozent.

Osteuropa hat aber nicht allein von dem Kapital profitiert, das Rendite suchende Portfoliomanager um die ganze Welt schickten. Auch die internen Entwicklungen verliefen günstig. Die jungen Demokratien haben sich politisch etabliert, und die wirtschaftliche Talfahrt scheint zu Ende.. Wesentliche Hürden auf dem Weg von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft sind genommen. Inzwischen schafft die Privatwirtschaft der Tschechischen Republik bereits 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Ungarn und Polen beläuft sich der Privatanteil sogar schon auf die Hälfte des BIP mit steigender Tendenz. Überdies planen alle drei Länder ausgedehnte Privatisierungsprogramme.