Von Christoph Dieckmann

Lieb Vaterland, so gehst du hin? Nichts gegen ein, zwei Ausländer, doch was heuer in Deutsch-Thüringen geschah, das nennt der Nibelunge Hunnensturm. Es traf Rudolstadt, die alte Residenz. Mongolen im Heine-Park, die Russen im Schloß, Mazedonier auf dem Boulevard und am Güntherbrunnen die Franzosen. Man floh zum Markt: die Koreaner. Man sprang, ein deutscher Asylant, ins Rathaus und rammte ein Regiment Marokkaner in Burnus und Fez, martialisch beschuht mit den Pantoffeln der Frau Ahavzi. Der Bürgermeister schwamm, arabisch hingemessert, längst in seinem Blut.

Aber nein, da spricht er ja, der Dr. Franz. Erklimmt die große Bühne auf dem Markt, heißt die Völker der Welt willkommen und erklärt die Invasion kurzerhand zum Tanz- und Folkfest Rudolstadt. Schon ziehen hinter ihrer Schachbrettfahne die Kroaten ein. Weich wimmern Mandolinen, zärtlich unkt der Baß, reine Maiden, bunte Burschen umreigen juchzend freies Bauernglück. Nährstands Mütter balancieren auf den grauen Häuptern Brot, Kuchen und ein splitternacktes Huhn, dessen Mord gewiß in einem deutschen Stall geschah: Sonst würde das doch unwahrscheinlich stinken, von Kroatien bis hier.

Schön sind se, die Kostüme.

War aber früher alles schöner, zu Ostzeiten, mehr Tanz, die ganzen Ensembles, die Tschechen, Polen, und wie sie de Sowjetunion noch hatten, so bunt, das war regelrecht ’ne Atmosphäre.

Und der Umzug aus den ganzen Dörfern, jedes Jahr ’ne Bauernhochzeit.

Soll aber nie gehalten haben mit den Paaren.