Von Eckhard Nordhofen

Der Theologe Herbert Vorgrimler hat ein Buch über "Die Geschichte der Hölle" geschrieben. Ein gutes Buch, ein gründliches Buch, ein Buch mit vielen Quellentexten, ein Buch, das uns alle in der gerechten Entrüstung vereint, in der Entrüstung der Gerechten über die Spur von Blut, Schweiß und Tränen, die von denen durch die Geschichte gezogen ist, die ihren Gläubigen die Hölle heiß gemacht haben. Die Sammlung ist beeindruckend, wahrscheinlich sogar ziemlich vollständig. Wir filzen seitenlange Texte auseinander, in denen ein sinistrer, spekulativer Sadismus schwelgt, ausgesuchte Quälereien und ein bösartiger Einfallsreichtum, der nicht immer, wie bei Dante, durch Terzinen poetisch veredelt ist.

Da finden sich scharfsinnige Betrachtungen über die Thermodynamik des ewigen Höllenfeuers (eine im Prinzip unerschöpfliche Energiequelle). Da lesen wir detaillierte Klassifizierungen über die verschiedenen Arten psychischer und physischer Peinigungen. Selbstverständlich hat uns Vorgrimler ganz auf seiner Seite, wenn er die Bewirtschaftung der menschlichen Angst zu Herrschaftszwecken anprangert. Um dies zu tun, muß man übrigens nicht unbedingt selbst an die Hölle glauben. Von Voltaire stammt das Folgende: "Wenn ihr wollt, könnt ihr predigen, daß es keine Hölle gibt und daß die Seele sterblich ist. Ich für meinen Teil würde sie (sc. die Canaille E.N.) anschreien, daß sie verdammt sind, wenn sie mich bestehlen; ihr solltet es jenem Landpfarrer nachtun, der, als er von seinen Gemeindekindern bestohlen worden war, ihnen in der Predigt vorhielt: ‚Ich weiß nicht, was Christus sich dabei gedacht hat, als er für Schurken wie euch starb.‘"

Von Adorno angesteckt, bringt uns diese Lektüre auf eigenartige Gedanken... In welchem Verhältnis steht die Treffsicherheit der Metaphern, die Suggestion der Bilder, die gekonnte Komposition der Farben in der bildenden Kunst der Höllengemälde zu ihrem Sujet? Warum ist die Hölle ästhetisch so attraktiv? Was wären Literatur und Malerei ohne Hölle? Statt daß sich der Betrachter mit Grausen abwendet, tritt er näher heran, um die Details zu studieren. Die Zitternden sind zugleich angezogen. Tremendum et fasicinosum. So definierte einst Rudolf Otto das Heilige.

Die Hölle, das ist die dunkle Nachtseite des Sakralen, das Rätsel des Monotheismus. Das Böse ist das Rätsel schlechthin, der alte Feind allen Begreifens. Hier sitzt der Stachel der Wahrheit unserer Weigerung, Auschwitz zu begreifen.

Solche Gedanken kommen dem Leser, wenn er den Deckel von Vorgrimlers Materialsammlung für Minuten schließt und auf eigene Rechnung sinniert. Ein gutes Buch, vor allem wegen seines Materialreichtums!

"Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!" ruft Wilhelm Teil, rufen die Braven und Frommen immer wieder und führen uns in Versuchung. Das Böse wissen, das Böse berechnen können, das war das Versprechen der Schlange im Paradies. Vorgrimler führt uns eine hübsche Sammlung von Jenseitskalkülen vor.