Von Michael Schwelien

Bonn/Berlin

Berliner Schnauzen sind schnell. „Nichts ist unmöglich, Toyota“, skandierten einige junge Leute, kaum daß der amerikanische Präsident seine Rede beendet hatte. Dieser Bill Clinton sprach, wie einst John F. Kennedy, die Schlußsätze auf deutsch: „Nichts wird uns aufhalten. Alles ist möglich. Berlin ist frei.“

Die Grundmelodie für die Variation zum Werbeslogan des japanischen Automobilkonzerns hatte Clinton selber angestimmt. Alles ist möglich: „Ein Europa der freien Märkte und des grenzüberschreitenden Wohlstands.“ Der Präsident spielte seine Mutmachmelodie geh Osten, dorthin, wo die Deutschen nun selbstbewußt führen sollen, dorthin, wo die wahre Botschaft die der Warenwelt ist: „Faßt euch ein Herz für den Aufbau – und ihr werdet erfolgreich sein!“

Solche Worte sind wohlfeil. Sie sind leicht gesagt, aber schwer in die Tat umzusetzen. Sie verraten auch einiges über den Gastgeber, der Gelegenheit genug hatte, seinen Gast, den „lieben Bill“, in deutscher Geschichte – alter wie neuer – zu unterweisen. Sie verraten etwas von der Unbekümmertheit, mit der Helmut Kohl einst „blühende Landschaften“ versprochen hatte, mit der er einst prophezeit hatte, die Angleichung des Lebensstandards im Osten Deutschlands an den des Westens werde schnell und praktisch ohne Kosten zu erreichen sein.

Der deutsche Mentor und sein amerikanischer Schüler: Es war am Abend des ersten Besuchstages, in Oggersheim vor dem Privatbungalow des Kanzlers, als Clinton sich arg verhaspelte. Auf dem Flug von Bonn im Hubschrauber, da habe ihm „Helmut“ den Dom von Worms gezeigt, jenen Dom, „an dem Luther seine Thesen angeschlagen hat“. Halten wir dem Präsidenten seine Jugendlichkeit, die Strapazen der langen Europareise und das Dröhnen der Rotoren zugute.

Noch hatte das Bundesverfassungsgericht nicht über die out of area-Einsätze der Bundeswehr entschieden, noch mußte der Jüngere artig repetieren, was der Ältere ihm unterwegs vorsagte. Erst am zweiten Tag, in Berlin, sollte der Jüngere vorpreschen, zum Unmut des Älteren, der in Oggersheim noch gnädig über das, äh, Mißverständnis hinweggegangen war (und gesagt hatte, im Dom zu Worms habe Luther dem Kaiser zugerufen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“).