Bonn oder Genf, das ist die Frage, über die derzeit 120 Mitgliedsländer der neuen Welthandelsorganisation WTO, der Nachfolgeinstanz des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens Gatt, brüten. Das Gefeilsche über den Standort, das man in Bonn aus der Debatte um den Regierungsumzug nach Berlin zur Genüge kennt, ist nun auch in diesem Fall voll entbrannt. Fast schon geborener Sitz wäre nach Lage der Dinge Genf. Dort residiert das alte Gatt, außerdem sind in Genf eine Reihe anderer internationaler Gremien ansässig – die Internationale Arbeitsorganisation ILO und die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung. Fast alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen unterhalten am Genfer UN-Sitz zudem eigene Botschaften, was die Neue Zürcher Zeitung zu der leicht chauvinistisch angehauchten Bemerkung veranlaßte, Bonn verfüge nicht über das nötige „wirtschaftsdiplomatische Umfeld“.

Für Bonn wiederum setzen sich Wirtschaftsminister Günter Rexrodt und das ganze Kabinett vehement ein. Rexrodt argumentiert nicht ganz zu Unrecht, daß die Bundesrepublik bisher als „eines der größten Welthandelsländer keinen Sitz einer internationalen Wirtschaftsorganisation hat“. Dabei tritt die deutsche Politik – in Maßen – sogar mehr als andere für größtmögliche Freiheit im Welthandel ein. Die WTO-Bewerbung ist daher folgerichtig, zumal die Regierung schon häufig dafür kritisiert wurde, sie bemühe sich viel zu wenig um internationale Repräsentanz, wiewohl Bonn doch zu den größten Zahlern gehöre.

Legte man allerdings rein ökonomische Maßstäbe an, sind beide Städte, Genf wie Bonn, gleichermaßen ungeeignet; schließlich sitzen die wichtigsten Weltwirtschaftsorganisationen, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank, in Washington. Die Vereinigten Staaten sind allerdings gar nicht erst zum Wettbewerb angetreten.

Würde bei der Wahl zwischen Genf und Bonn allein der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit den Ausschlag geben, kämen die WTO-Mitglieder kaum an Genf vorbei. Schon wegen der Umzugskosten für die alten Gatt-Mitarbeiter käme es die Bundesbürger teuer zu stehen, fiele die Wahl auf die ehemalige Bundeshauptstadt. Die WTO-Diplomaten haben nämlich in geheimen Verhandlungen trickreich durchgesetzt, daß das Sitzland sämtliche Kosten für den Umzug, die WTO-Infrastruktur sowie für den laufenden Betrieb übernehmen muß.

Während die Schweiz ihre Offerte mit hundert Millionen Franken beziffert, liegen aus Bonn keine Zahlen vor; sie dürften jedoch ähnlich hoch sein, haben beide Länder doch ähnliche Angebote abgegeben: Zum Schacher gehören mietfreie Verwaltungs- und Konferenzräume sowie allerlei Beiwerk auf unterschiedlichem Niveau. Bonn bietet rund 250 Parkplätze mietfrei, Genf offeriert 150 mehr, allerdings nicht zum Nulltarif, sondern nur zu Vorzugsmieten. Beide Länder halten zudem gewisse diplomatische Privilegien vor: Ehepartner der WTO-Diplomaten haben freien Zugang zum Arbeitsmarkt, Bonn bezieht darin, anders als Genf, auch die volljährigen Kinder ein.

Trotz seiner desolaten Kassenlage hat Finanzminister Theo Waigel auf Einkommen-, Kfz- und sonstige Steuern bedingungslos verzichtet, während die Schweiz solche Steuervorteile nur gewährt, wenn die WTO ein eigenes Steuersystem einführt. Die Mehrwertsteuer erstattet Bonn den Personen mit Diplomatenstatus. Im Prinzip hat die Schweiz ähnlich reagiert, nur tut es ihr nicht weh, weil es dort die Mehrwertsteuer nicht gibt. Nur bei der Einrichtung eines Duty-free-Shops zog Waigel nicht mit, weil EU-Recht das nicht zuläßt. Allerdings können die Bonner Diplomaten Verbrauchs- wie steuerintensive Alkoholika und Zigaretten ohnedies über den Diplomateneinkauf steuerfrei ordern. Zudem ist Außenminister Klaus Kinkel bereit, wesentlich mehr WTO-Mitarbeitern den Diplomatenstatus zu gewähren als sein Schweizer Kollege.

Unter dem Strich bleiben sogar nach nüchternem NZZ-Urteil „leichte Pluspunkte“ für Bonn, auch wenn die kaum mit den strengen ordnungspolitischen Grundsätzen der Bonner Wirtschaftspolitik im Einklang stehen.

Ob die neuen Subventionstatbestände für den Zuschlag ausreichen, bleibt abzuwarten. Immerhin hat Bonn auch die wohl wichtigste Frage der zur Bonn-Besichtigung angereisten WTO-Botschafter zu seinen Gunsten entschieden: die bange Frage nach der Anzahl der Golfplätze. Bonn hat zwei, Genf aber nur einen. Wolfgang Hoffmann