Von Helmut Pigge

Als am Morgen des 19. Oktober 1925, an einem Montag, die Türen zum Münchner Amtsgericht in der Au geöffnet werden, drängen sich über vierzig in- und ausländische Journalisten in den Großen Sitzungssaal. Auch das Publikumsinteresse ist gewaltig. Es gilt einem Verfahren, das als „Dolchstoßprozeß“ in die Annalen der Weimarer Republik eingehen wird. Um was für eine Art von Prozeß handelt es sich? Um die juristische Klärung eines Terroraktes? Einen spektakulären Mordfall? Ein Jahrhundertverbrechen?

Nichts von alledem: An 21 Verhandlungstagen geht hier kein Straf-, sondern ein Zivilprozeß über die Bühne. Paul Nicolaus Coßmann, Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte, klagt gegen Martin Gruber, den Chefredakteur der sozialdemokratischen Zeitung Münchner Post, auf Verleumdung und Zurücknahme des Vorwurfs der „Geschichtsfälschung“.

Der prozessuale Hintergrund, auf einen kurzen Nenner gebracht: Coßmann hatte sich in mehreren Ausgaben der Süddeutschen Monatshefte die These zu eigen gemacht, die deutsche Front sei 1918, im letzten Weltkriegsjahr, „von hinten erdolcht worden“, andernfalls hätte sie trotz militärischer Niederlagen noch aushalten können. Urheber dieses Dolchstoßes seien die Politiker der Sozialdemokratie, die mit der Novemberrevolution an die Macht gekommen seien. Wegen dieser These hatte Chefredakteur Gruber in der Münchner Post Coßmann angegriffen, und Coßmann hatte ihn daraufhin verklagt: Er fühle sich durch den Vorwurf der Geschichtsverfälschung in seiner persönlichen Ehre zutiefst gekränkt.

Nun räumte der Kläger Coßmann bereits am siebten Verhandlungstag ein, sein Vorwurf des Dolchstoßes richte sich nur gegen die frühere USPD (die sich 1917 von der Mehrheits-SPD abgespalten hatte). Trotzdem bedurfte es weiterer vierzehn Verhandlungstage, um ein Aufgebot von mehr als dreißig Zeugen und Sachverständigen zu Wort kommen zu lassen: Heerführer und hohe Stabsoffiziere, Admiräle, ehemalige Reichsminister, Parteiführer und angesehene Historiker. Namen wie Gustav Noske, Admiral Adolf von Trotha, Wilhelm Groener, Otto Wels und Philipp Scheidemann sorgten für eine breite Öffentlichkeit. Ihre Aussagen wurden – meist wörtlich – in den Zeitungen wiedergegeben und später eilig in Broschüren herausgebracht.

Mit dieser Öffentlichkeit hatte der Dolchstoßprozeß den von Coßmann beabsichtigten Zweck erreicht: das deutsche Volk über die angeblichen Urheber seines Unglücks aufzuklären. Und das konnten, nach all den prominenten Aussagen, nur die „Novemberverbrecher“ gewesen sein. Welch verheerende Wirkung das in jenen Kreisen hatte, die der Weimarer Republik ohnehin skeptisch gegenüberstanden, kann man sich leicht ausmalen – ganz abgesehen von dem propagandistischen Material für die immer stärker werdende NSDAP.

Wer war dieser Paul Nicolaus Coßmann, der sich vor dem Münchner Amtsgericht so spektakulär in Szene gesetzt hatte? Seine Jugend verlief in gutbürgerlichen und gutsituierten Bahnen. Als Sohn des bekannten Cellosolisten Bernhard Coßmann 1869 in Moskau geboren, wo der Vater Lehrer am Konservatorium war, verbrachte er seine Schulzeit in Baden-Baden und Frankfurt am Main. Zu seinen Jugendfreunden zählte der Komponist Hans Pfitzner.