Von Janusz Tycner

Der 22. Februar 1957 muß ein großer Tag gewesen sein im Leben des Marcel Reich-Ranicki. Ein Tag allerdings, an den der herausragende Literaturkritiker seit seiner Übersiedlung in den Westen im Juli 1958 wohl kaum erinnert werden möchte. Daß man ihn 1950, "ideologischer Fremdheit" wegen, aus der kommunistischen Partei ausgestoßen habe, gehört zu Ranickis Standardauskünften über seine Vita jenseits des Eisernen Vorhangs. Nie aber hat er öffentlich darüber ein Wort verloren, daß die Partei an jenem Freitag im Februar 1957 seinem sechs Jahre andauernden Drängen nachgab, ihm alle Sünden vergab und ihn wieder in ihre Reihen aufnahm. Das paßt nicht so recht in das selbstgeschaffene Bild des aus eigener Einsicht gewandelten Intellektuellen, der sich noch zu Stalins Lebzeiten die Freiheit nahm, dem Kommunismus den Rücken zu kehren.

Die Parteiakte Marcel Reich-Ranickis (Az. PZPR-CKKP 2139/55), die seit der Selbstauflösung der polnischen KP im Jahre 1990 im Warschauer Archiv der Neuen Akten aufbewahrt wird, umfaßt 82 Blätter. Sie gehört zum Dokumentenbestand der ehemaligen Zentralen Parteikontrollkommission des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), einer Instanz, die Marcel Reich-Ranicki seit Juli 1950 mit Eingaben überschüttete, in der Hoffnung, bald wieder eingeschriebener Kommunist sein zu dürfen.

Die Lektüre dieser Papiere, in denen bis jetzt kein Außenstehender blättern konnte, aber auch die Auswertung der Parteiakte seiner Frau Teofila aus dem Bestand des ehemaligen Warschauer Wojewodschaftskomitees der PVAP (heute im Bestand des Archivs der Stadt Warschau, Az. KW PZPR 2285), Ranickis Personalakte im Außenministerium und die Berichte der wenigen noch lebenden Zeugen, die Ranicki in seiner Zeit bei der polnischen Staatssicherheit kannten, erlauben einen Einblick in eine vom Schleier des Geheimnisvollen umgebene Biographie.

Die Kopie des "Beschlusses" der dreiköpfigen Spruchkammer der Zentralen Parteikontrollkommission, unterzeichnet von den Genossen Paterowa, Kromer und Krupinski, wurde Ranicki am 18. März 1957 per Post an seine Privatadresse in der Niemcewiczastraße 19 A/31 im Warschauer Stadtteil Ochota zugestellt. In dem fünfstöckigen Haus, das seinerzeit zumeist von kleineren Chargen aus Verwaltung, Partei, Staatssicherheit und Armee bewohnt war, kann sich heute, nach ’vier Jahrzehnten, kaum einer mehr an die Eheleute Ranicki, die in der obersten Etage des ersten Treppenhauses lebten, erinnern. Nur eins ist den wenigen Nachbarn von damals, die noch nicht gestorben oder ausgezogen sind, in Erinnerung geblieben: das ständige Klappern der Schreibmaschine in der 58 Quadratmeter großen, eher karg eingerichteten, aber dennoch für die damals elenden polnischen Nachkriegsverhältnisse komfortablen Zweizimmerwohnung mit Bad und Küche.

Als Ranicki im Spätherbst 1949, nach seiner Rückkehr aus London, in das gerade fertiggestellte, noch nicht verputzte Haus in der Niemcewiczastraße einzog, da hatte er noch gehofft, es sei nicht zu Ende mit seiner vielversprechenden Karriere im Ministerium für Öffentliche Sicherheit (MBP), wie sich die polnische Stasi damals offiziell nannte. In knapp vier Jahren war er vom einfachen Militärzensor zum Hauptmann im Department VII (Auslandsaufklärung und Abwehr) geworden. Er leitete die britische Sektion, wurde dreimal hoch dekoriert (Verdienstkreuz in Silber, Verdienstkreuz in Gold, Sieges- und Freiheitsmedaille). Im Februar 1948 schließlich fuhr er, als Konsul getarnt, nach London, um unter anderem dem Kommunismus feindlich gesinnte polnische Emigranten auszuspähen.

Alles lief so weit gut, bis Konsul Ranicki in der zweiten Oktoberhälfte 1949 die als Diplomatin getarnte MBP-Hauptfrau Maria Borkowska bat, ihn bei der Wahrnehmung seiner geheimdienstlichen Pflichten für kurze Zeit zu vertreten. Er bestieg in London eine tschechische Linienmaschine, die ihn über Prag für einige Tage nach Warschau bringen sollte. Wir wissen nicht, ob man Ranicki herbeibestellt hatte oder ob er sich nur in der Zentrale umhören, vielleicht auch einige private Angelegenheiten in Warschau regeln wollte. Ehefrau Teofila und der in London 1948 geborene Sohn Andrzej blieben jedenfalls an der Themse.