Von Ernst Toussaint

BONN. – Um zu verstehen, was sich seit bald drei Jahren in Haiti abspielt, muß man auf die Geschichte zurückgreifen, und zwar auf jene Kapitel, die vom Beginn der Kolonisierung handeln – der historischen und der modernen Kolonisierung. Jede andere Erklärung führt in ein unentrinnbares Labyrinth von Fiktionen, die sich je nach der politischen Haltung des Erzählers (oder des Lesers) verändern.

Haitis leidvolle Kolonialgeschichte begann 1697, als Frankreich durch den Vertrag von Rijswijk von Spanien das westliche Drittel der Insel Hispaniola erhielt. Haiti wurde zu einer der reichsten Kolonien der Neuen Welt. Das Land und Hunderttausende afrikanischer Sklaven gehörten einer Handvoll Familien. Ende; des 18. Jahrhunderts erhoben sich die schwarzen Bewohner gegen ihre französischen Kolonialherren, und am 1. Januar 1804 erklärte sich Haiti für unabhängig. Doch die Zeilen wurden nicht ruhiger. Es folgten blutige Aufstände, Umstürze und Gegenrevolten. Der Kampf um die Unabhängigkeit, um die Menschenwürde hält bis heute an – in jeder Form und an allen Fronten. Auch die Wunde von 1915, als Haiti für fast zwanzig Jahre von der amerikanischen Marine besetzt wurde, schmerzt noch immer.

Nachdem die Amerikaner abgezogen waren, beherrschte das Schreckgespenst des Kommunismus die kleine Insel zwischen den amerikanischen Kontinenten. Die Angst vor der roten Gefahr reichte aus, um die Diktatur in Haiti – mal brutal offen, mal eher versteckt – zu rechtfertigen. Diejenigen, die damals die Strategie der Unterdrückung in Haiti genährt, gepflegt und unterstützt haben, finden sich heute in einer unangenehmen Zwickmühle wieder.

1986, als keiner damit rechnete, stürzte das haitianische Volk die 29jährige, scheinbar unzerstörbare Diktatur der Familie Duvalier. Ohne einen Schuß, ohne einen Tropfen Blut. Doch dann übten jene Rache, die zuvor jahrzehntelang unterdrückt worden waren. Erst im Dezember 1990 fand die kleine schwarze Republik über den Stimmzettel endlich zu ihrer eigenen Stimme: Die Forderung der Stunde hieß Demokratie.

Inzwischen hat sich der Wind der haitianischen Geschichte wieder gewendet. Die traditionellen Mittel der Einschüchterung – Denunziationen, willkürliche Verhaftungen, systematische Prügel, Inhaftierungen ohne Urteil, schließlich das Verschwindenlassen – sie haben erneut ein Klima des Terrors geschaffen. Das Foltern und Morden, das zeitweise nur in verschwiegenen Korridoren geschah, ist längst auf die Straßen übergeschwappt. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in der Hauptstadt Leichen liegen.

Nichts ist tabu, alles ist erlaubt. Das Militär verwandelte sich Stück für Stück in eine Schaltstelle des Terrors, der die Gesellschaft knechtet und erniedrigt. Es war auch diese Armee, welche die letzte Hoffnung des haitianischen Volkes zerstörte – die Hoffnung auf Frieden nach den von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützten freien Wahlen: Sieben Monate nach der Einsetzung der verfassungsgemäß gewählten Regierung beging ein Teil der Armee einen neuen Umsturz und wischte die Verfassung mitsamt den elementarsten Menschenrechten vom Tisch.