Von Tilman Krause

Bewundert viel und viel gescholten, galt das Gigantische lange Zeit als typisch für den Amüsierbetrieb Berlins. Die Bombenstimmung des sprichwörtlichen Bolle, wenn er mit seiner „kleinen Maus“ bis „früh um fünfe“ nicht nach Haus’ ging, bedurfte des Superlativs. Nur was größer, aufwendiger, massengerechter war als das bereits Bekannte, hatte Chancen, zum Schlager zu werden. Das hat sich gründlich geändert.

Nach seinen Mißerfolgen mit dem großen Musical „Marlene“ und einer nicht minder üppigen Shakespeare-Verrockung zweifelt selbst der erfolggewohnte Unternehmer Bernhard Kurz an Berlins Eignung als Musical-Metropole. Auch aus der Umgebung von Peter Schwenkow hört man, er wolle sein vor zwei Jahren auf Hochglanz poliertes Varieté „Wintergarten“ anderswo anlegen. Der „Friedrichstadtpalast“ schließlich, Bastion realsozialistischer Unterhaltungskultur, mußte einen Großteil seines Stammpublikums ans Hinterhof-Varieté „Chamäleon“ abgeben.

Vom Bedürfnis nach dem Überschaubaren profitiert auch ein Veranstaltungsort, der sich in den knapp zwei Jahren seines Bestehens schnell zu einer Institution des (West-)Berliner Nachtlebens entwickelt hat: die von dem ehemaligen Kabarettisten Holger Klotzbach geleitete „Bar jeder Vernunft“.

Klotzbachs Privatunternehmen versieht Berlin subventionsfrei mit einem durchaus eigenständigen Akzent der allerorten wiederauferstehenden Mischung aus Gastronomie, kabarettistischer Kleinkunst und musikalischem Entertainment.

Schon der Rahmen ist einzigartig: ein altes Tanzzelt, das um die Jahrhundertwende für Hollands mondäne Badeorte gebaut wurde. Wie vom Himmel gefallen, hat es sich auf dem Parkdeck neben dem strengen Gebäude der ehemaligen Freien Volksbühne niedergelassen. Wer eben noch die geteerte Rampe erklomm, mag zunächst seinen Augen nicht trauen: Hinter Gebüsch verborgen, hockt in mattem Glanz die verschnörkelte Holzrotunde wie eine Fata Morgana. In ihrem Innern blenden Messinggestänge und spiegelndes Glas den Besucher. Vorsichtig setzt er im Dämmerschein von Kerzen und Gaslampen einen Schritt vor den anderen, steuert über knarrende Planken den säulenverbrämten Logen zu und kann die Befürchtung nicht ganz unterdrücken, daß dieser Zauberladen sich binnen kurzem wieder in die Lüfte hebt und zurückschwebt in morgenländische Fernen.

Doch er bleibt stehen. Auch die Artisten, die hier ihr Bestes geben, sind von einiger Beständigkeit. Kürzlich fand ein Wiedersehen mit Tim Fischer statt, der in Berlin als „Shooting-Star des frivolen Chansons“ gehandelt wird und sich aus Anlaß des Todes der Berliner Diseuse Blandine Ebinger mit einem Programm produzierte, das einige der berühmten „Lieder eines armen Mädchens“ von Friedrich Hollaender mit neuen Kreationen des Schlagersängers Rainer Bielfeldt und des Opernkomponisten Franz Hummel kombiniert. Damit löste der Einundzwanzigjährige Imogen Kogge und Gerd Wameling ab, die man von der Schaubühne ausgeliehen hatte. In ihrer Performance stellten die beiden Komödianten den aberwitzigen Schlagabtausch zwischen Adele Sandrock und Arthur Schnitzler nach – anhand von Tagebuchnotizen und Billetdoux der beiden Liebesleute und in einer so bezwingenden Abfolge von Rezitation und Gesang, daß ein Berliner Kritiker von der „heimlichen Inszenierung des Jahres“ sprach.