Von Hermann Weber

Nach den verheerenden Wahlverlusten der CDU-FDP-Regierung in Sachsen-Anhalt und der Ankündigung der SPD, eine Rot-Grüne-Minderheitsregierung zu versuchen, hat plötzlich ein verblichener Begriff Konjunktur: "Volksfront!" rufen Konservative, da eine Minderheitsregierung unter Umständen auf die Tolerierung durch die PDS angewiesen ist. CDU-Generalsekretär Hintze und der parlamentarische Geschäftsführer Rüttgers malten ein "SPD/PDS-Volksfrontbündnis" als Gefahr an die Wand, Finanzminister Waigel von der CSU setzte noch eins drauf und entdeckte eine neue Keule für den Bundestagswahlkampf. Die "Alternative von CDU/CSU" sei die "Volksfront in Deutschland".

Seither geistert die "Volksfront" durch den politischen Streit und durch die Medien, obwohl ihre Ursprünge und ihre Geschichte heute weithin unbekannt sind und mit der Realität wenig zu tun haben. Allerdings ist die Anschuldigung gegen Sozialdemokraten, sie erstrebten eine Volksfront mit Kommunisten, von Konservativen nach dem Zweiten Weltkrieg schon des öfteren erhoben worden. Gegen die Deutschlandpolitik der SPD/FDP-Regierung wurde etwa 1976/77 damit operiert, Franz Josef Strauß griff im Wahlkampf gegen die SPD zu diesem Terminus. Auch die Links-Regierung Mitterrand in Frankreich wurde nach 1973 so gekennzeichnet.

Lediglich die Erfinder des Begriffs, die Kommunisten, hielten sich zurück. Für sie war die Volksfront keineswegs eine zeitweilige Kooperation mit Sozialisten oder Sozialdemokraten, sondern die darüber hinausgehende Strategie des Widerstands auch mit bürgerlichen Kreisen gegen den Faschismus. "Zusammenarbeit" mit Sozialdemokraten – aber eigentlich deren Zersetzung – signalisierte die viel ältere Parole der "Einheitsfront". Beim Blick auf die Entstehung und die Realität beider Losungen zeigt sich, wie sehr Warnungen vor der Volksfront heute deplaziert und nur Schlagworte aktueller Politik sind.

Die Kommunisten wollten nach dem Ersten Weltkrieg mit ihrer "Weltpartei der Revolution", der Kommunistischen Internationale (Komintern), überall die Macht erringen und nach dem Modell Rußlands die Räte-Herrschaft aufbauen. Da sich die enttäuschten Massen 1919 und 1920 in Europa radikalisierten, setzten die Kommunisten auf eine rasche Weltrevolution. Sie bekämpften vor allem die Sozialisten, die die parlamentarische Demokratie verteidigten. Der Trend nach linksaußen schien allgemein, der chiliastische Enthusiasmus der Komintern übte eine ebenso große Anziehungskraft auf viele Arbeiter und Intellektuelle aus wie die russische Revolution.

Doch schon 1921 war erkennbar, daß die Masse der Arbeiter in Europa den Sozialisten und nicht den Kommunisten folgte. Die Hoffnung der Komintern auf die Weltrevolution erwies sich als illusorisch, die Macht der Kommunisten blieb auf Rußland beschränkt. Um aus der Isolierung herauszukommen, änderte die Komintern ihre Strategie. Statt der frontalen Bekämpfung verkündete sie Ende 1921 in "Leitsätzen", sie wolle mit Sozialdemokraten (und auch Gewerkschaften, Syndikalisten und so weiter) eine "Einheitsfront" bilden. Die "Einheitsfronttaktik" sollte angeblich gemeinsamen Aktionen zugunsten von Alltagsinteressen der Arbeiter dienen. Deren Ziel definierte der Kominternführer Karl Radek indes recht eindeutig: "Der Weg der Einheitsfront ist ein viel schwierigerer als das, was wir taktisch im Jahre 1919 sagten: ‚Haut alles zusammen‘ ... Aber wenn man die Kraft dazu nicht hat und dieser Weg [der Einheitsfront] notwendig ist, muß man ihn wandern mit dem Bewußtsein, daß dieser Weg nicht uns, sondern der Sozialdemokratie zum Schaden gereicht."

Da die Kommunisten keinen Hehl daraus machten, mit der "Einheitsfront" nun "schneller die Massen auf die Seite des Kommunismus herüberzuziehen" (so die Komintern), war deren Mißlingen programmiert. Auf diese Taktik ließen sich die Sozialisten und Sozialdemokraten nicht ein. Ohnehin lehnten sie die Kommunisten grundsätzlich ab, da diese Anhänger einer totalitären Diktatur und Vertreter der sowjetischen Interessen waren. Die Sozialisten verwarfen die "Einheitsfront" als Versuch, die Sozialdemokratie zu spalten, ihre Anhänger abzuwerben und die sozialistischen Parteien zu zersetzen.