Bei den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine hat Leonid Kutschma am vergangenen Sonntag einen überraschenden Sieg über Präsident Leonid Krawtschuk errungen. Mit dem Erfolg krönte Kutschma, 1938 in der Nordukraine geboren, eine Karriere, die schon in der Sowjetunion zu beachtlichen Höhen geführt hatte. Von 1986 bis 1992 leitete er in Dnepropetrowsk das größte Raketenwerk der UdSSR, Jushmasch. Im Oktober 1992 berief ihn dann Präsident Krawtschuk zum Ministerpräsidenten der Ukraine. Der technokratische Pragmatiker mit engen Beziehungen zur russischen Rüstungs- und Schwerindustrie fand in Kiew jedoch keine Hausmacht und mußte schon nach elf Monaten sein Amt niederlegen. Als Oppositionsführer kämpfte er im Bündnis mit gemäßigten Reformpolitikern und der nach Rußland orientierten Ostukraine für eine Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen mit Moskau. Sein Kontrahent Krawtschuk stellte dagegen die Souveränität des Landes in den Vordergrund und stützte sich vor allem auf die national ausgerichtete Westukraine. Die Wähler der ländlichen Gebiete gaben jetzt bei der Stichwahl den Ausschlag zugunsten Kutschmas.

ZEIT: Leonid Dawidowitsch, was bedeutet Ihre Wahl für die national orientierte Westukraine? Ist der Zusammenhalt des Staates jetzt in Gefahr?

Kutschma: Keineswegs. Eine solche Gefahr droht nicht unmittelbar. Und es gibt ein entschiedenes Mittel, sie für die Zukunft zu bannen: Wir brauchen einen Rechtsstaat. Wenn die Ukraine ein Rechtsstaat wird, dann werden alle Extremisten, auch die Rechtsextremisten, zur Verantwortung gezogen. Denn kein Land darf akzeptieren, daß sich radikale Gruppen nach Belieben militant aufführen können und auf dieser Bühne dann andere Kräfte ihre politischen Intrigen spinnen.

ZEIT: Kann denn dieser Rechtsstaat noch ein zentralistischer Staat sein, wenn alle Teile der Ukraine zusammengehalten werden sollen?

Kutschma: Das Beispiel der Krim zeigt ja schon, daß die einzelnen Regionen mehr Autonomie benötigen. Die Ukraine muß ein föderativer Bundesstaat werden. Aber das ist eine Aufgabe für morgen...

ZEIT:... und die Aufgabe für heute?

Kutschma: Wir müssen die Institutionen unseres Landes stabilisieren. Die Staatsmacht ist vollkommen zerrüttet.