Bahia: Im ehemaligen Kolonialstädtchen Cachoeira feiern alljährlich Zehntausende Brasilianer das St.-Johannis-Fest – fröhlich, herzlich, unbeschwert und absolut friedlich

Von Bernd Loppow

„Das Volk ist stärker als die Armut... Auch wenn das Überleben vor lauter Schwierigkeiten und Grausamkeiten fast unmöglich erscheint, das Volk lebt, kämpft, lacht, gibt nicht auf. Sie machen ihre Feste, tanzen ihre Tänze, singen ihre Lieder und lachen ihr befreites Lachen.“ Jorge Amado

Montag, zwei Uhr mittags an einem heißen Endjunitag mitten im brasilianischen Winter: Dreimal bläst die Schiffssirene blechern zur Abfahrt. Dann löst sich der blaue Rumpf der Maragogipe vom Anleger des Terminal Maritima in der Cidade Baixa, der Unterstadt Salvadors. Tuckernd kehrt die Fähre der Sechsmillionenmetropole den Rücken zu und stampft quer durch die Baia de Todos os Santos, die Allerheiligenbucht, an deren rechten Zipfel Salvador da Bahia, Brasiliens erste Hauptstadt, liegt.

Auf den weißen, rostaugenübersäten Aufbauten des Schiffs versucht ein Gemenge von über 600 Menschen sich für die nächsten vier Stunden möglichst bequem einzurichten. Sie gehören jenen unteren Schichten der brasilianischen Gesellschaft an, deren Schicksal der Literaturnobelpreisträger Jorge Amado so eindrucksvoll in seinen Romanen beschreibt. Auf abgewetzten gelben Schalensitzen im Kabinenraum kauern Negerinnen, ihre Babys vor der Brust in bunte Batiktücher gewickelt. Hagere Männergestalten mit schiefgelegten Köpfen schlafen die Schicht der vergangenen Nacht aus oder auch nur einen ausgiebigen Rausch.

Auf dem Eisenboden stapeln sich Reisetaschen, gemüsegefüllte Plastiktüten, kordelverschnürte Pappkartons. Krausköpfige Kinder flitzen barfuß zwischen den Sitzreihen hin und her. Schweißgeruch mischt sich mit dem Duft gebratener Hühnerkeulen und tropischer Gewürze. Samba-Reggae, Rockmusik und für die Gegend typische Baiäo-Musik scheppert aus billigen Recordern. Vor dem Aufgang zum Oberdeck hat sich eine Combo zusammengefunden, herrscht ausgelassene Partystimmung. Umringt von Dutzenden den Takt klatschenden Mitreisenden singen sie Volkslieder zu den Klängen ihrer Trommeln, Rasseln und Tambourine. Pausen werden nur eingelegt, um eine neue Lage Bier von der Bordbar zu holen.

Alle haben Salvador den Rücken gekehrt, um vier Tage lang im Recöncavo, dem meerabgewandten Hinterland des bahianischen Bundesstaates Bahia, das St.-Johannis-Fest, São João, zu feiern. São João wird alljährlich vom 22. bis zum 24. Juni vor allem in Cachoeira, wohin die meisten wollen, zelebriert. Vier Tage Abstand von ihren Jobs als Industriearbeiter, Hausmädchen, Botenjungen, Straßenverkäufer oder Kellner in den Touristenhotels. Und für viele ist es eine Rückkehr in die Heimat, in ihr Dorf, auf die elterliche Farm zurück aus der großen Stadt, in die sie vor der Arbeits- und Perspektivlosigkeit des Hinterlandes geflohen waren.