Von Wilhelm von Sternburg

Es sei vorweg gesagt: Joachim Fest hat ein sehr solides Buch über den bürgerlich-militärischen Widerstand gegen Hitlers Terrorregime geschrieben. Und ich will auch eingestehen, mit Blick auf Thema und Autor nicht ohne klammheimliches Vorurteil an die Lektüre gegangen zu sein. Fest ist ein Konservativer, was wahrhaftig nicht ehrenrührig ist. Aber in seinem letzten Buch über die "schwierige Freiheit" bewies er doch einen so verblüffenden Hang zur Oberflächlichkeit, daß dem Rezensenten angesichts der peinvollen Debatte über Peter Steinbachs Ausstellung im Bendler-Block oder der von Fest einst geförderten FAZ-Auftritte des historisierenden Vergangenheitsbewältigers Ernst Nolte doch allerlei Böses schwante. So ist das mit Vorurteilen, sie sind nicht selten nur das Spiegelbild der eigenen Blickverengungen.

Fests Darstellung des "Staatsstreichs", der vor fünfzig Jahren mit dem Stauffenberg-Attentat seinen dramatischen Höhepunkt erreichte und gleichzeitig so tragisch scheiterte, gehört in eine lange Reihe von "Jubiläums"-Veröffentlichungen, die in diesen Monaten erneut den deutschen Widerstand gegen Hitler thematisieren. Jahrzehnte hat die deutsche Geschichtsschreibung gebraucht, bis sie die facettenreichen Strömungen des Aufstands gegen die Diktatur einigermaßen gerecht und ideologiefrei aufschrieb und analysierte. Während die Bundesrepublik zunächst nahezu ausschließlich die bürgerliche und militärische Opposition zum Gegenstand von Forschung und öffentlichen Gedenkreden machte, die kommunistischen, sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen oder kirchlichen Aktionen und Opfergänge, die vielfachen Aktivitäten jugendlicher Gruppen und Einzelgänger dagegen übergangen wurden oder zur Fußnote verkamen, feierte die DDR pathetisch und einäugig den "antifaschistischen" Aufstand der eigenen Parteigänger. Die aktuelle Diskussion um die erwähnte Berliner Ausstellung, in der einstige kommunistische Widerständler und spätere SED-Größen neben Stauffenberg und Goerdeler ihren Platz gefunden haben, beweist einmal mehr, daß wir auch nach einem halben Jahrhundert immer noch recht würde- und geschichtslos die Opfer des Widerstands politisch instrumentalisieren.

Joachim Fest ist diesen Weg in seiner Darstellung nicht gegangen. Obwohl er "den langen Weg zum 20. Juli" bewußt auf die Aktionen des bürgerlichen und dann vor allem militärischen Widerstandes eingrenzt (was unter dem Stichwort 20. Juli sicher gerechtfertigt ist), bleibt sein Buch frei von allen Ideologisierungen, gelingt es ihm, Mut, Größe, Einsamkeit, Verzweiflung und Untergang der Männer um Stauffenberg und Oster, Moltke und York, Goerdeler und Hassel auf eindringliche Weise zu beschreiben. Aber, und dies vor allem prägt Fests Studie, er analysiert nüchtern und kenntnisreich die politisch-biographischen Hintergründe der handelnden Personen in dieser Tragödie des Scheiterns, zeigt auch ihr strategisches, organisatorisches und mentales "Versagen" auf.

Fest glorifiziert nicht Geschichte, sondern spürt dem sich immer wiederholenden Drama von Tun und Nichttun nach, das den Weg der Menschen und Nationen bestimmt. Die Geschichte des deutschen Widerstandes gegen Hitler war auch stets ein "zu spät" gewesen, keine kollektive, sondern sehr individuelle Werteauseinandersetzung, die letztlich nur noch von moralischen Parametern bestimmt wurde. Fest räumt besonders diesen Aspekten einen breiten Raum ein, wobei er die Ereignisse, Entwicklungen und Entscheidungen, die schließlich zum 20. Juli führten, nicht neu beschreibt, sondern die vielfältigen Forschungsergebnisse, Dokumente und persönlichen Aufzeichnungen mit sicherem Gespür für das Wichtige in seine Darstellung einarbeitet.

Das Scheitern der Hitler-Gegner zeichnete sich schon in den ersten Wochen nach der Machtübernahme ab. Die großen Organisationen der Weimarer Republik – Parteien, Gewerkschaften, Armee, Kirchen – erwiesen sich gegenüber dem brutalen Durchsetzungswillen der Nationalsozialisten als wehr- und hilflos. Nahezu ohne jeden Widerstand unterwarfen sich die alten Eliten dem Herrschaftswillen des neuen Diktators. Ihre Anhänger, vor allem die kommunistischen und sozialdemokratischen Parteimitglieder, warteten vergeblich auf das zuvor so vielfach beschworene Signal ihrer Führer zum Aufstand gegen das Regime. Als es nicht kam, machten sich rasch Resignation und Lethargie breit, Hitlers Propaganda und Terror, aber auch seine bald sichtbaren innen- und außenpolitischen Erfolge erstickten dann rasch jeden in den Anfängen vielleicht möglichen massenhaft organisierten Widerstand.

Gewerkschaften und Parteien wurden verboten, die Kirchen gingen auf Anpassungskurs, und die Armee ließ sich "kaufen". "Zerstritten, unfähig zur Sammlung ihrer Kräfte und schon lange mit dem Gefühl vertraut, zur Ohnmacht bestimmt zu sein", so schreibt Fest, "sahen viele sich in den resignativen Stimmungen jenes Frühjahrs 1933 von dem Gedanken erfaßt, nicht nur von einem übermächtigen Gegner, sondern von ,der Geschichte selber‘ besiegt worden zu sein." Die Versäumnisse und das Versagen am Anfang trugen entscheidend dazu bei, daß Europa sich innerhalb weniger. Jahre in ein blutiges Schlachtfeld verwandelte.