ARD, Donnerstag, 7. Juli: "Krieg der Wölfe"

Bei "Behörde" denkt der Mensch an Aktenstaub und Dienstweg – eine Verfilmung dieses Stoffes schiene ihm absurd. Auch die Firma "Hauptverwaltung" weckt kaum Appetit auf visuelle Umsetzung. Folgt allerdings das Wort "Aufklärung", so ahnt man: Da könnte ein Geheimdienst gemeint sein. Und der ist ja nun ein zuverlässiger Lieferant von Krimi-Plots.

Maurice Najman und Michael Meurice dachten wohl, daß ihr Sujet ein Selbstläufer sei: Die "Schlacht der Geheimdienste" von 1949 bis heute, der zähe Stellungkrieg von CIA und Verfassungsschutz hier, KGB und HVA dort, interessieren in der Rückschau vor allem dann, wenn die vielen Legenden, aus denen wir alle kaum mehr kennen als die Namen ihrer Protagonisten: Affäre Otto John, Doppelagent Heinz Felfe, Photohändler Hans Heinz Porst, DDR-Chefspion Markus Wolf, wenn diese Legenden nacherzählt, komplettiert und im Lichte unserer Zeit, des "kalten Friedens", neu interpretiert werden. So etwas haben die beiden Filmemacher wohl auch im Sinn gehabt. Dann aber sind sie in die Archive gestiegen und haben sich dort verlaufen. Sie sind im Material untergegangen. Daß sie nichts weglassen konnten, wurde ihnen beziehungsweise ihrem Film zum Verhängnis.

Es war zuviel. Kaum hatte sich der Zuschauer von der Hinrichtung des russischen Überläufers Popov erholt, als er auch schon dabei sein mußte, wie weiland Fritz Scheffer Geheimkontakte knüpfte und "in den Fluren der CIA die Tränen flossen", weil es keine Möglichkeit gab, die Sowjets in Ungarn zu stoppen. Markus Wolf hat von der Mauer nichts vorhergewußt, FDP-Mann William Born war Informant der DDR. Doppelagent Stiller reißt die gesamte HVA rein, dennoch bekennt Egon Bahr: "Unsere Geheimdienste waren nicht so gut wie die östlichen." Bis das Jahr kam, in dem gleich drei von sogenannten Romeos zum Spionieren veranlaßte Bonner Sekretärinnen aufflogen. "Die Welt, für die sie lebten, wird bald nicht mehr existieren." Es kommt das Jahr 1989, und wer gestern noch ein loyaler Geheimdienstmann war, ist jetzt womöglich ein Vaterlandsverräter.

Seltsam: Die Konfusion, die Najman/Meurices Film mit seiner Überfülle an Fakten und Fällen hervorrief, erweckte den Eindruck, daß Geheimdienste auch bloß Behörden sind und als solche mit ermüdender Routine beschäftigt. Der Thrill blieb aus, eine von Aktenstaub erfüllte Atmosphäre legte sich schwer auf die Szene, und nicht mal Markus Wolf als Quasi-Moderator konnte dem Ganzen Fahrt geben. Die alten Legenden zerschmolzen zu Schnee von gestern, ihre Nacherzählung in Zeitraffer tötete die letzten Reste von Nimbus. Eine Neuinterpretation fand nicht statt, dazu hätte auch die Zeit gefehlt. Und was womöglich der Witz an der Sache ist: So dröge und schwerfällig, so unübersichtlich und pedantisch, so mühselig und weltfremd, wie man sich die Arbeit einer x-beliebigen Behörde vorstellt, so geht’s ja beim Geheimdienst vielleicht wirklich zu! Dann wäre dieser Film ein unfreiwillig-ironisches Dokument wirklicher Zustände. Und sein Motto hätte dieses Diktum von CIA-Mann George Carver sein können: "Die größten Triumphe von Geheimdienstleuten sind die Dinge, die nicht passieren." Barbara Sichtermann