Im Juli 1993 veröffentlichte die französische Tageszeitung Le Monde einen von vierzig Intellektuellen, unter ihnen Pierre Bourdieu, Umberto Eco und Léon Poliakov, unterzeichneten „Appel à la vigilance“ – Aufruf zur Wachsamkeit (ZEIT Nr. 32/1993). Mit dem Manifest wollten die Unterzeichner ihre Beunruhigung über die „Wiederkehr rechtsextremistischer antidemokratischer Strömungen im geistigen Leben Frankreichs und Europas“, wie es am Beginn des Textes heißt, zu öffentlichem Gehör bringen. Gefallen hat das damals gar nicht der in Frankreich um Anerkennung buhlenden neuen Rechten, die sich von dem Aufruf angegriffen fühlte und sogleich die Gelegenheit ergriff, sich wieder einmal als willkürlich verfolgte und zensierte Unschuld in Erinnerung zu bringen; gemault wurde aber auch in den Kreisen derer, die sich frei fühlen möchten, nach Lust und Laune publizistisch mit jedermann anzubändeln, und käme der auch von rechtsaußen.

Nichts als ein flüchtiges Sommertheater, orakelten manche Beobachter. Diese Einschätzung ist nun, ein Jahr später, eindrucksvoll widerlegt worden: Le Monde veröffentlicht in diesen Tagen eine ganzseitige Anzeige mit den Namen von eintausendfünfhundert weiteren Unterzeichnern, die den „Aufruf zur Wachsamkeit“ unterstützen. Neue Fakten, wie der Eintritt von Neofaschisten in die Regierung Berlusconi und der bei den jüngsten Europawahlen sichtbar gewordene Aufschwung nationalpopulistischer Tendenzen, haben offenbar auch skeptische und zögernde Zeitgenossen aufhorchen lassen und sie davon überzeugt, daß die Warnung vor „rechtsextremistischen antidemokratischen Strömungen“ nicht einem ideologischen Phantom gilt, sondern einer sichtbar gewordenen politischen Realität.

Ein „Europa der Wachsamkeit“, an das der Aufruf vor einem Jahr rhetorisch appellierte, beginnt sich allmählich zu regen: Aus Italien kommen beispielsweise die Unterschriften von Daniele del Giudice und Antonio Tabucchi; aus Belgien von Ilya Prigogine und Pierre Mertens; aus Frankreich von Patrice Chéreau, Jacques Roubaud, Georges-Arthur Goldschmidt; aus der Bundesrepublik die von Jürgen Habermas, Rudolf von Thadden, Hanna Schygulla. Die Namen prominenter Künstler und Wissenschaftler vertreten nur die Stelle der vielen hundert Namen, die auf der Seite von Le Monde aufgeführt sind. Wer sich dazugesellen oder Näheres über die Aktivitäten der Initiative erfahren will, wende sich an: Appel à la vigilance, Maison des Sciences de l’Homme, 54, Boulevard Raspail, F-75006 Paris.

Lothar Baier